Abwartende Hölle

Es ist nicht nur der Blick, der anziehend ist, es ist das rote Kreuz, leuchtend, unschuldig, unberührbar und nahezu unbeteiligt. Tritt man in das Atelier Jungwirth, erblickt man sofort die ersten Bilder der aktuellen Ausstellung „billy & hells“, Porträts und großformatige Menschen-Bilder, geschossen von Anke Linz und Andreas Oettinger.

Das größte Bild der Ausstellung zeigt eine amerikanische Krankenschwester. Ihr Blick abschätzend, ein wenig abwartend. Die Krankenschwester auf den Bildern daneben hat schattierte Augen, einen frechen Kurzhaarschnitt und eine Netzstrumpfhose. Ihre Stiefel sind offen, sie blickt trotzig drein, wieder ein wenig abwartend.

Die Blicke einzufangen und alle Arten von Gefühlsausdrücken abzulichten ist etwas, das billy & hells lieben. Jede ihrer Fotografien transportiert für Betrachter eine gewisse Botschaft -sich jener zu entziehen ist unmöglich, sie unterschiedlich zu deuten nur natürlich. Ein Sailor, der den Blick in die Ferne schweifen lässt, eine Masha, deren zerzaustes Haar und düstere Augen einen willkürlich frösteln lässt und deren Brüste man nicht wahrnimmt. Einfach und archaisch auch 1969, deren ungewaschene Haare und das umgehängte Kreuz imponieren.

Im krassen Gegensatz hierzu Canon Man, der in schriller Kleidung und Trompete Zirkus, Alkohol und rauschende Feste feiert. 1978 tanzt ebenfalls aus der Reihe, ein androgynes Wesen, Mann und Frau: mit hochgezogenen Augenbrauen und Lidschatten zeigt sich eine unverblümt ansprechende und dennoch musternde Weiblichkeit, während der Oberkörper auffordernd und rasch eine Männlichkeit vermittelt.

Die direkte Kommunikation mit Menschen während der Fotografie – dies gelingt billy & hells offensichtlich. Noon, eine im Bett liegende Frau, hat ihre rechte Hand im Schritt und blickt abwartend, abschätzend drein. Es scheint, als würden die abgebildeten Personen auf etwas warten, auf etwas, von dem sie sich noch nicht sicher sind, dass sie es wollen. Sie warten auf eine bestimmte Gewissheit – so als ob sie erst dann die Augen schließen könnten.

Solche Momente auf Fotopapier zu bringen ist eine kostbare Gabe, die billy & hells offensichtlich zu nützen wissen. Um so kostbarer die Zeit, in der man die Werke im Atelier Jungwirth noch betrachten kann.

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