Anarchismus und EM.

Jetzt ist es soweit, nun muss auch ich meinen Senf zur EM abgeben. In der U-Bahn nahm heute ein Jugendlicher mir gegenüber Platz, der etwas linkisch eine Dänemark-Flagge unter dem Arm zu verbergen versuchte. Mitfühlend nickte ich ihm zu, sofort wussten wir beide, die Fahrt würde noch schwer werden. Immerhin haben sie gut gespielt, flüstere ich ihm zu. Bei der Station Hallesches Tor beginnt es, Massen von Fans stürmen die einzelnen Wagone der U6. Sprechchöre, Vuvuzuelas. Schland-Fans auf Kurztour.

Fahnen werden, ungeachtet des Platzmangels, geschwungen, eine berührt mich ständig am Kopf. Witze über andere Länder werden gerissen, die Menge lacht. Alkoholgeschwängerte Gespräche werden geführt, Frauen, weit über 40 mit Miniröcken lachen gekünstelt. Doitschland, Doitschland, über alles! Dem Dänen mir gegenüber bricht der kalte Angstschweiß aus. Noch ist die Meute nicht auf ihn aufmerksam geworden, die Dänemark-Flagge sah noch niemand. Schließlich steigen Friedrichstraße noch mehr, noch betrunkenere Anhänger ein. Zwei zu eins, wird skandiert. Klos-Ä, Klos-Ä brüllt ein zehnjähriger Junge, der vom sichtlich stolzen Vater an der Hand gehalten wird.

Bald ist meine Tortur auch zu Ende, denke ich mir, als der Däne bei der nächsten Station eilig den Zug verlässt. Nachdem die Türen zugehen, dreht er sich nochmals um und rollt die Flagge aus. Fickt euch, ihr Deutschen, seine schrille Stimme übertönt für einen Moment den gewaltigen Lärmpegel innerhalb des Wagons. Der Zug setzt sich in Bewegung, während sämtliche Fans auf die linke Seite springen, drohend die Fäuste ballen, Schimpfwörter rufend, gegen die Scheiben trommelnd.

Fast schon erwarte ich, dass die U6 von den Schienen springt, doch zum Glück passiert nichts dergleichen. Ja, die Deutschen haben gut gespielt, vielleicht sogar besser. Sie stürmen gut, ihre Konter sind brandgefährlich, ihre Verteidigung gut stehend. Trotzdem würde ich nicht mal für tausend Euronen für diese Mannschaft stimmen, und ich verurteile auch (obwohl es mir keineswegs zusteht) jeden anderen Österreicher und jede andere Österreicherin, die zu dieser (Un-) Mannschaft hält. So setze ich auch auf die Griechen, die meine ernannten Brasilianer des Ostens wenn auch ungerechtfertigt aus dem Bewerb schossen und hoffe darauf, dass ihnen dieses Kunststück nochmal gelingt. Bei der vorhanden komplexen Wirtschaftssituation wäre es zudem ja auch noch ein gewaltiges Zeichen.

Und trotzdem. Den Fahnenabreißern der Antifa und sonstigen linken Gruppierungen kann ich nichts abgewinnen. Meine Idee halte ich dafür für viel besser, ohne arrogant klingen zu wollen. Man braucht dafür nur ein wenig mehr Zeit und eine Schere. Und schon hat man statt der hässlichen schwarz-rot-goldenen Flagge eine anarchistische!

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