Appetit du Deb

Das Stück „Ich und meine Sabberer – P’tit Albert“ handelt von einem Insassen einer psychiatrischen Anstalt, der aus seinem Leben erzählt. Basierend auf einer Geschichte von Jack London ist dieses Stück eigentlich überhaupt nicht lustig.

Zuerst hässliche Tischtücher, dann in Handtuchrolle eingewickelte Löffel. Tom deckt den Tisch. Tom ist ein Verrückter. Verdreht lustig Wörter, lässt Buchstaben aus und tauscht Buchstaben um. Tom schimpft auf die Politrick, Tom ist ein Deb, aber kein Sabberer oder Epileps. Er lebt seit seinem dritten Jahr in der Anstalt, in der man sich gleich nach Eintreten des Probebühnensaals befindet. Er lebt dort gern und kann viele Geschichten erzählen.

Über Schwestern, die ihn prügeln, über Schwestern, die er gerne heiraten würde, weil sie ihn so schön umarmen. Über Ärzte, die Probleme mit ihren Frauen haben, und natürlich über die Sabberer, die Tom löffel-füttert, und die Epileps, die mit den Händen und den Füßen schlagen wild auf den Boden. Tom schreit, lacht, flüstert aufgeregt. Er umarmt uns, hält uns an der Schulter, kichert und macht Komplimente. Tom ist ein Deb. Seine Wortverdrehungen und Sprachspiele erheitern uns. Wir lachen herzlich. Er ist ein Deb der besonderen Sorte, und lustig noch dazu.

(c) Lupi Spuma
(c) Lupi Spuma

Hinter der Fassade des Toms, grandios gespielt von Franz Solar, versteckt sich jedoch ein Meer an Traurigkeit und furchtbarer Depression. Es ist eine schrecklich-schöne Hilflosigkeit, die den Irren Tom begleitet, eine Suche nach einem Leben, dass Tom so nie richtig leben konnte. Die Figur, die einen unwillkürlich an einen Mix des „Dorftrottels“ Schlomo (Zug des Lebens, 1998) und an den verlorenen Thomas Reiter (Wanted, 1999) von Alfred Dorfer erinnert, schwadroniert über ein gezwungenes Anderssein, eine endliche Suche nach Identität, und wirft dabei wie zufällig Fragen auf.

Wer ist der Verrückte? Wo bestehen die Grenzen zum Wahn? Tom lässt sie verschwinden, hält einen blinden Spiegel vor. Er füttert uns, zeigt uns, wie wir den Löffel halten müssen, um schlussendlich Brei, warmen Brei, zu bekommen. Appetit wünscht uns Tom, aber erst essen, wenn alle haben. Er schimpft, ist zornig, erzählt von seinem zweiten Ausbruch. Tom versteht nichts. Und zeigt damit doch nur, wie wenig wir verstehen, wie wenig wir verstehen wollen. Tom läuft am Ende des Stücks aus dem Raum, und nach langen stehenden Ovationen gehen auch wir. Und doch: Tom bleibt in diesem Raum zurück. Brabbelnd und lachend. Ein Deb eben.

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