Ausruhen

Franz von Papen war mal Vizekanzler vom Hitler. Später dann Botschafter von Nazideutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zunächst als Hauptkriegsverbrecher freigesprochen, dann aber als Hauptschuldiger verurteilt. Hitler sah er das letzte mal im August 1944. Sowas erfährt man in aller Kürze auf Wikipedia, stimmt aber trotzdem. Von Papen hatte einige Töchter. Stimmt auch. Eine dieser Töchter hat mich in Frankreich mal zu einem wahnsinnig guten Essen eingeladen, das aus mehreren Gängen bestand.

Es war wenig auf den Tellern, aber dennoch war ich danach ziemlich satt. Sie lebte auf einem wunderschönen Gut in Frankreich. Was für Mohnfelder! Grillen und Zikaden. Buschwerk, Bäume. Ruinen von vergangenen Häusern. Ihr Hund hieß Milli, weil er ihr entweder genau oder gleich nach Beginn des Jahres 2000 zulief. Ich ging mit dem Hund spazieren, einmal lief er mir davon, das war scheiße.

Dort aß ich zum ersten Mal auch Fußsohlen, das waren so wie Sohlen geformte Marzipanstücke. Mir kam es damals vor, als ob ich auf festem Parfüm herumkauen würde, aber da ich ein freundlicher Teenager war, habe ich zustimmend genickt und zu ihr gesagt, dass es sehr gut schmeckt. Meine Eltern haben mir in einem großen französischen Einkaufszentrum am selben Tag noch ein Che-Guevara-T-Shirt gekauft, dass ich jetzt noch immer habe, obwohl es mir schon lange nicht mehr passt.

Ich war dann mit ihr auch einmal in diesem Wallfahrtsort in Bosnien-Herzegowina, der von der Kirche noch immer nicht so richtig anerkannt wird, obwohl dort ganz vielen Kindern die liebe Maria Muttergottes erschienen ist. Medjugorie heißt der Ort. Mein Che-T-Shirt durfte ich nicht mitnehmen. Ich war trotzdem mit der Tochter von Franz von Papen unterwegs und sie stolperte über einen Randstein neben der großen Kirche und fiel auf eine Steinplatte. „Maximilian“, sagte sie zu mir, nachdem sie sich auf den Randstein hinsetze und ihre weiße Bluse glatt strich, mit der einen Hand, und ihre Beule betastete, mit der anderen Hand, „ich muss mich nun ein wenig ausruhen.“ Ich fand das klasse, weil mir sowieso die Füße weh taten von dieser ewigen Herumrennerei dort, und habe mit ihr über Perry Rhodan getratscht, weil ich den damals ziemlich verehrt und gelesen habe.

Perry Rhodan ist eine fiktionale Figur und unsterblich. Die Tochter von Franz von Papen ist aber gestorben, vor ein paar Monaten, habe ich vor kurzem erfahren. Sie war eine wirklich weitsichtige und nette alte Dame. Die mir interessiert ein Ohr leihte, als ich ihr über die Weltraumabenteuer von Rhodan berichtete, und auf der Kirchenorgel in der Kirche im französischen Dorf schöne Stücke spielte, denen ich gerne zuhörte. Sie sprach sehr ruhig und ich meine, dass sie ein wenig lispelte. Ihr Lachen war hell und ehrlich, und einmal war sie auch bei mir daheim, saß auf unserer Veranda und sah auf die Wiese und die summenden Insekten und die kleinen Blumen, die auch heute dort noch eifrig wachsen, und sie lächelte und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Maximilian“, sie setzt die Tasse ab, „ich muss mich nun ein wenig ausruhen.“

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