Bankerlsitzer

Der Herr, der sitzt da jeden Tag. Jede Nacht. Und oft fahr ich an ihm vorbei.

Da sitzt er wieder. Da sitzt er ständig. Die Jeans zerrissen. Die Füße stecken in zerschlissenen Schuhen, Knöchel schauen ungesund schwarz verfärbt hervor, das Fleisch geschwollen. Ein Fuß über den anderen. Halb zusammengesunken an die Scheibe gelehnt. Die Kapuze über dem Kopf, und der Mund, der Mund ist in Bewegung, die Kiefer klackern, der Herr erzählt. Meistens, so hat es den Anschein, sind seine Geschichten nur für sich. Kaum zu hören.  

Ab und zu huscht ein Lächeln über sein rotes, verhärmtes Gesicht, dann der Anflug von Zorn. Und von Traurigkeit. Die Augen, sein Blick. Er kneift sie zusammen, dann geht sein Mund wieder auf, der Bart, lang und struppig, folgt gehörig. Früher fuhr er ja gerne im Bus, saß versunken ganz hinten, blickte in den Bus hinein und doch hinaus in die Ferne. Dann ging er spazieren. In der Wienerstraße. Auf und ab. Die eine Hand in der Hosentasche. Die andere in der Luft, gestikulierend.

Schließlich wollten ihm einige helfen, groß wurde ein Foto in einer Zeitung gepostet. Half aber nichts, denn er wollte nicht. Er ging wieder einige Zeit spazieren, begann zu hinken, fand einen Lieblingsplatz. Die Sitzbank bei der Josef-Pock-Straße, die war lange Zeit seine. Gleich neben der Werkstätte. Da sprach er noch laut mit sich, aber verstehen konnte man ihn schwer. Ängstlich sah er dann meistens drein, von links nach rechts und wieder zurück sprangen seine Augen. Die schwarze Daunenjacke mit den Rissen. Die langen Nägel an den Händen.

Und jetzt sitzt er in der Haltestelle auf diesem ungemütlichen, mit Löchern zersetzten metallenen Sitzbrett. Einen Kartonstreifen unter sich. Um ihn herum steht nie jemand, alle drängen sich im zweiten Teil des Unterstandes. Schauen tun sie alle, die Kinder flüstern in die Ohren ihrer Mütter, die Schüler starren, manche lachen, manche schauen traurig drein, und einige verziehen angeekelt das Gesicht. Und dann setzt sich die Straßenbahn wieder in Bewegung, und der Herr bleibt sitzen. Bis zum nächsten Tag.

 

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