Besonderes Down-Syndrom

Ein Gottesdienst zum Welt-Down-Syndrom-Tag, eugenische Indikation und Punk: Das von vielen Vereinen und Familien angestrebte Ziel der vollständigen gesellschaftlichen Integration und der vorbehaltlosen Akzeptanz gegenüber Menschen mit Down-Syndrom ist noch längst nicht erreicht.

„Wir haben heute besondere Gäste da“, sagt Pfarrer Hermann Glettler, und das wird er noch öfters sagen. Er bittet die Jugendlichen sowie die Kleinkinder mit ihren Eltern zu sich heraus vor den Altar. Es ist der 22. März, ein Tag nach dem Welt-Down-Syndrom-Tag, und in der Grazer Pfarre St. Andrä feiert man deshalb eine Messe mit Menschen mit Down-Syndrom. „Sie haben uns etwas voraus: Ein Chromosom“ meint er, und lacht. Niemand stimmt mit ein. Sie alle, die da draußen stehen, beginnen ein Lied über die Sonne zu singen, geleitet von einer Mutter. Sie greift dann zum Mikrofon. „Unsere Kinder strahlen einfach. Auch wenn wir mehrere gesellschaftliche Hürden überwinden müssen: Sie strahlen.“ Sie tritt einen Schritt zurück, dann beugt sie sich wieder nach vor zum Mikrofon. „Und sind etwas besonderes.“

Aufgrund einer Genommutation ist bei Down-Syndrom das 21. Chromosom dreifach vorhanden. Menschen mit Down-Syndrom weisen typische körperliche Merkmale auf, sind manchmal in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt. „Ihr seid Lehrmeister des Glücks“, sagt Pfarrer Glettler. Wieder hat er Jugendliche mit Down-Syndrom nach vorne gebeten, er möchte sie in seine Predigt einbauen. Ein kleines Kind mit Trisomie 21 läuft giggelnd durch den Mittelgang der Kirche, den Vater auf den Fersen. Glettler hebt eine Schüssel mit Körnern hoch, zeigt sie den Jugendlichen zu seiner Rechten. Im Evangelium sprach er von Körnern, die man einsetzt, damit aus ihnen Pflanzen wachsen. „Was habe ich denn da?“, fragt er. „Vogelfutter“, antwortet ein Mädchen knapp. Nun lachen die Anwesenden, die Jugendlichen stimmen herzhaft mit ein. Glettler wiederholt seine Worte. „Ihr seid besondere Lehrmeister des Glücks.“ Bei den Fürbitten werden später alle den Herrgott darum bitten, dass er den Eltern beisteht, dass sie den Mut bekommen, das Kind anzunehmen, wie es ist. Und sie alle werden für jene bitten, deren Leben endete, bevor es begann. Das Kind wird unterdessen vom Vater eingeholt, nun wälzt es sich wütend am Boden.

Die meisten Kirchgänger strömen nach der Messe für Kaffee, gesüßten Früchtetee und Topfenkuchen in den Pfarrsaal. Die Familien mit Kindern, die Trisomie 21 haben, stehen beisammen und plaudern angeregt. „Jetzt gibt es ja immer weniger von denen. Ist eh klar, warum. Die werden alle abgetrieben“, weiß ein pensionierter Religionslehrer. Er meint damit wohl die mit „Spätabtreibung“ titulierte eugenische Indikation, die in Österreich im Strafgesetzbuch verankert ist. Hier erlaubt der §97, Abs. 1/2 den Abbruch einer Schwangerschaft, wenn „eine ernste Gefahr besteht, dass das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde.“ „Gefahr“ ist aber sehr undeutlich definiert, es genügt die „Gefahr“ einer Behinderung. Zahlen und Fakten, die aussagen, wie viele Kinder mit prognostiziertem Down-Syndrom durch die eugenische Indikation abgetrieben werden, gibt es aber nicht. Überhaupt ist es schwer, zu Trisomie 21 Zahlen und Daten zu finden. Laut der Wiener Down-Syndrom-Ambulanz leben zirka 9000 Menschen mit dieser Behinderung in Österreich, eine exakte Statistik existiert ebenfalls nicht. Die Information, dass statistisch gesehen ein Kind von 800 mit Trisomie 21 geboren wird, hingegen schon. Das ergäbe für Österreich knapp 100 Geburten pro Jahr. 2012 wurden jedoch nur sechs Kinder mit Down-Syndrom geboren, die Schlussfolgerung liegt nahe, dass 90 Prozent der Schwangerschaften mit Diagnose Trisomie 21 abgebrochen werden. Die Zahl fußt wahrscheinlich auf einer Berechnung der WHO, die 2010 nur 12 Kinder mit Down-Syndrom in Österreich erfasste. Zum Vergleich: 1985 erfasste die WHO noch 23 Geburten mit Down-Syndrom.

Das von vielen Vereinen und Familien angestrebte Ziel der vollständigen gesellschaftlichen Integration und der vorbehaltlosen Akzeptanz ist noch längst nicht erreicht, auch wenn man sich darum bemüht. Dass in den Fürbitten und in der Predigt so vehement gegen die Möglichkeit einer Abtreibung wegen Behinderung gesprochen wurde, kommt nicht von ungefähr. So unterstützt auch die Katholische Aktion Österreich das Anliegen des Behindertenanwaltes Erwin Buchinger, die Möglichkeit der eugenischen Indikation abzuschaffen. „Kein Mensch darf über Wert oder Unwert menschlichen Lebens entscheiden“, betont etwa die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreichs, Gerda Schaffelhofer, im Februar 2015. Weiters sei es notwendig, ein gesellschaftliches Klima, in dem behinderte Menschen selbstverständlich aufgenommen, integriert und unterstützt werden, anzustreben. Schaffelhofer spricht dabei von einem Druck, der auf Eltern lastet, nur „gesunde, perfekte Kinder in die Welt zu setzen.“

Mediale Aufmerksamkeit und Gesprächsstoff brachte der Eurovision Song Contest im Mai auch nicht so stark, wie es sich manche vielleicht erhofften: In Wien spielte nämlich die Punkband „Pertti Kurikan Nimipäivät“ für Finnland, sie schied bereits im Semifinale aus. Alle Bandmitglieder, die gerne als „Downsyndrom-Punks“ tituliert werden, sind Menschen mit Behinderung, jedoch hat nur einer Trisomie 21. Erklärtes Ziel der Band ist es, mit ihrer Musik und ihren Auftritten Menschen mit Beeinträchtigungen zu ermutigen, eigene Wünsche zu äußern und Interessen zu verwirklichen. Die Band probt im Kulturzentrum Lyhty Ry in Helsinki, für das Gespräch über Skype lassen sich die vier nebeneinander auf Sessel und einem Sofa nieder. Während dem Gespräch wird das Victory-Zeichen gezeigt, Bassist Sami klatscht des öfteren mit Drummer Toni ein oder tätschelt aufmunternd Gitarrist und Namensgeber der Band, Perrti. Sie zeigen sich ob der gesetzlichen Verankerung der eugenischen Indikation in Österreich schockiert. Toni verzieht das Gesicht, und Sami meint energisch: „Es ist falsch, wenn man auswählt, wer geboren wird und wer nicht. Wenn man Eltern diese Option gibt, ist das falsch. Wir haben alle ein Recht zu leben. Ich denke, diese Option und Möglichkeit könnte Eltern auch dazu anregen, abzutreiben, wenn sie herausfinden, dass ihr Kind nicht „normal“ ist. Und das beeinflusst die Einstellung der Gesellschaft, wie man mit Menschen mit Behinderung umgeht, und macht es noch schwerer, Akzeptanz zu finden.“ Sänger Kari fragt nach, ob er es richtig verstanden hätte, dass Spätabtreibungen in Österreich erlaubt wären. „Sind Österreicher etwa so herzlos?“ Kari wurde behindert geboren, wie er erzählt. „Ich kann mich daran erinnern, dass ich Wochen im Krankenhaus verbringen musste, als ich klein war. Das war nicht schön. Es gab viele medizinische und physische Rückschläge, und viele unangenehme Momente in meinem Leben. Aber hier bin ich. Ich lebe, nach allem. Und ich bin jetzt glücklich.“

Bild von lunar caustic (Creative Commons Attribution 2.0 Generic license)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.