Da gibt es diese Lieder

Gastautor Lukas Matzinger (23) ist Ennstaler. Das hört man auch. Er liebt die Musik, den Sport und den Film und hat eine geile Frisur. In seiner Freizeit studiert er Journalismus und Public Relations (PR). Heute steht er nackt und ungeschützt in der Auslage von Feuilletonsern.at – mit einem intimen Text über seine liebsten Lieder.

 

Play. Es wird mir warm beim Herzen. Die Welt stimmt. Alles ist gut. Ich stimme überein. Es passt so. Stop.

Es sind nicht die perfekten Rock-Dreiminüter. Nicht die kleinen betörend-schönen Folksongs. Nicht glänzender Pop-Protz. Nicht die großen Stadion-Hymnen. Da gibt es diese Lieder, die wohnen einen Stock darüber. The songs above the songs.

Am Anfang hast du sie vielleicht gar nicht so gemocht. Vielleicht hast du sie nicht verstanden. Vielleicht warst du noch nicht so weit. Doch mit jedem Mal hören wurden sie größer und größer.

Du begannst sie aufzulösen, sie zu begreifen, sie zu er-hören. Du spürtest, wie sie wachsen und langsam ein Teil von dir wurden. Und plötzlich waren sie da. Und gingen nicht mehr weg. Sie bleiben bei dir. Werden dich überall begleiten. Ohne sie kannst und willst du nicht mehr.

Die folgenden Lieder sind meine Lieblingslieder. Es sind acht. Mehr habe ich bisher nicht gebraucht. Sie sind es, die mich fordern und mich besser machen. Solange ich diese Lieder habe, weiß ich, dass nicht alles schlecht ist da draußen. Sie sind größer als die Summe ihrer Teile.

Wenn jemand etwas gegen diese Lieder sagt, sagt er etwas gegen mich. Da könnt ihr mir auch gleich in die Fresse hauen. Oder besser ins Herz – da trefft ihr diese Lieder auch.

Das Zweitschlimmste, was man Musik antun kann, ist, dass man sie argumentiert. Das Schlimmste ist, dass man sie in Listen schreibt. Ich mache beides. Und zwar jetzt:

The Smiths – There Is A Light That Never Goes Out

Take me out tonight / Where there’s music and there’s people / And they’re young and alive. Komm schon, lass uns leben. Wie James Dean in Rebel Without a Cause. Raus aus dem scheiß Trott. Wir beide. Du und Ich.

Wenn ich an Gott glaube, dann nur, weil ich ihn in den 242 Sekunden dieses Lieds gefunden habe. There Is A Light That Never Goes Out ist die ganz große Hommage an das Leben, das Glück und die unsterbliche Liebe. And if a double-decker bus / Crashes into us / To die by your side / Is such a heavenly way to die.

Bob Dylan – Forever Young

May God bless and keep you always / May your wishes all come true / May you always do for others / And let others do for you. Ein Lied als Geschenk eines Vaters an seine Kinder.  Für sie hat Dylan diese Zeilen geschrieben. Nur für sie diese Worte gefunden. Es wird mir warm beim Schreiben.

Der Meister aller Klassen und aller Zeiten formuliert die schönsten Wünsche, die die Popularmusik jemals geäußert hat. Bleib immer wahr. Bleib immer gut. Bleib immer jung. Und zwar nicht draußen, sondern drinnen, im Herzen. May you stay forever young.

Pearl Jam – Black

Sheets of empty canvas / Untouched sheets of clay / Were laid spread out before me / As her body once did. Abertausende haben versucht, enttäuschte Liebe in Musik zu fassen. Keiner kann es so wie Pearl Jam in Black. Keiner.

So stark, so bildhaft, so expressiv – Vedder leidet für mich mit. Als könnte ich ihm meinen Schmerz geben wie einen Rucksack. Und er trägt ihn für mich, nur ein paar Minuten. Bis es wieder heller wird.  And now my bitter hands / Chafe beneath the clouds / Of what was everything.

Bruce Springsteen – Thunder Road

Well I’m no hero, that’s understood. Thunder Road ist die große Freiheit im kleinen Mann: Für den notorischen Kiffer, der aufsteht und aufhört, sein Leben zu schwänzen. Für die Mutter dreier Kinder, die erkennt, dass sie noch schön ist. Für den 45-jährigen Buchhalter, der mittwochs die Bürotür hinter sich zuschlägt, sich ins Auto setzt und ins Blaue fährt.

Unnachgiebig tritt mir Springsteen in den Arsch. Auf den täglich Durchschnitt sei geschissen. Da ist ein Leben da draußen. Das kann man auch mal leben. Hey what else can we do now? / Except roll down the window / and let the wind blow back your hair.

Van Morrison – Into The Mystic

We were born before the wind / Also younger than the sun. Ich habe Glück. Denn solange es Into The Mystic gibt, kann das da draußen vor der Tür gar nicht so scheiße sein. Das schließt einander aus. Musik und Lyrik verschmelzen zu einem großen einhelligen Ganzen, das mich mit Haut und Haar zwischen den Noten verschwinden lässt.

Into The Mystic ist das Lied der menschlichen Zweisamkeit. Harmonisch, gefühlvoll, poetisch. Van Morrison kann so schön Liebe aufschreiben: Auch wenn ich den Weg nicht kenne, weiß ich, dass ich ihn mit dir bestreiten will. And together we will float into the mystic.

Leonard Cohen – Future

Your servant here, he has been told / To say it clear, to say it cold: / It’s over, it ain’t going any further. Das Ende kommt. Bald und keine Chance es aufzuhalten. The Future ist ein Kniefall vor dem Dunklen, dem Bösen, dem Verheißungsvollen. Manchmal habe ich noch immer Angst, wenn ich es höre.

Ergeben schaut Leonard Cohen in die Glaskugel der Welt und malt die Apokalypse an die Wand. Mit dunkler Stimme und zynischer Zunge peitscht er die unerreicht starke Lyrik durch den Song. Als ob er wirklich von etwas wusste. Get ready for the future: / It is murder.

Dave Matthews Band – Two Step

Say, my love, I came to you / With best intentions / You laid down and gave to me just what / I’m seeking. Dieses Lied sind Lust, verschwitzte Körper, ja purer Sex auf 13 bis 17 Minuten. Ein Ungetüm von einem Song.

Bis zum heutigen Tag habe ich nicht verstanden, was die Dave Matthews Band da eigentlich genau macht. Es ist wohl wie bei jeder Art von Magie: Es bringt dem Zeugen nichts, den Zauber verstehen zu wollen. Man kann sich nur zurücklehnen und genießen: diese große Ode an die Freude. Celebrate we will / Because life is short but / Sweet for certain.

Rolling Stones – You Can’t Always Get What You Want

No, you can’t always get what you want. Ich würde mit diesem Lied Liebe machen, wenn ich wüsste wie. Danach würde ich ihm eine Zigarette anzünden, es streicheln und am nächsten Tag würde ich ihm Frühstück machen.

Da ist dieser Song, der lehrt Leben. Rock’n’Roll, ganz und gar unwahrscheinlich, so reif, erwachsen und gescheit: Erwarte nicht, sei einfach. Mensch sein in a nutshell. But if you try sometimes / You get what you need.

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