„Da wird dir alles wurscht.“

Hermann Kraxner ist 89 Jahre alt, vom Beruf Landwirt – und Kriegsinvalide. Im Zweiten Weltkrieg explodierte unter ihm eine Mine, er verlor sein linkes Auge, den linken Arm und sein Hörvermögen beim linken Ohr. Eine Geschichte über Minen, Fronterlebnisse und Spritzen, die „alles wurscht“ machten.

Hermann Kraxner

Ich treffe Hermann Kraxner bei ihm zu Hause in Stainz, wir setzen uns in die Küche. Unter seinem linken Armstumpf hat er geschickt ein Bündel Fotos geklemmt, wir sehen uns einige an. Er beginnt zu erzählen. 

Hermann Kraxner: Ich komme aus der Ortschaft Langegg, dort wurde ich geboren, am 30. März 1925. Meine Eltern waren Kleinlandwirte, wir hatten eine kleine Wirtschaft. Zuerst arbeitete ich als Halterbub, nachher erlernte ich sämtliche landwirtschaftliche Arbeiten.

Meine Jugend war sehr schön. Mit den Nachbarn haben wir immer Karten gespielt, im Sommer sind wir draußen gesessen. Dann, als der Krieg anfing, war der Nachbarssohn in der HJ. Er wollte immer, dass ich mitkomme. Ab und zu bin ich mitgegangen, aber mir hat es nicht so recht gefallen. Da lernte man Marschieren, „Habt Acht“ und so weiter. Mich hat das mit der HJ nicht so interessiert, ich war lieber daheim, bei meinen Bekannten. Mit 18 Jahren musste ich dann aber einrücken.

Dreimal war Hermann Kraxner bei der Musterung. Da sein Arbeitgeber kriegswichtige Arbeit leistete, wurde er mehrmals zurückgestellt. 1943 kam er allerdings in das „Wehrertüchtigungslager 30“ mit dem Namen „St. Ruprecht Alpenland (Wehrkreis XVIII)“, ein Lager der Hitlerjugend (HJ) zur vormilitärischen Ausbildung.

Der Bauer, bei dem ich gearbeitet habe, hat fleißig abgeliefert. Bohnen, Heu, Kukuruz. Dadurch wurde ich vom Bürgermeister, der ja für das Einrücken verantwortlich war, immer zurückgestellt. Zum Schluss jedoch musste ich gehen, da haben sie dann ja alle genommen. 1943, im August, bin ich zum Wehrertüchtigungslager in St. Ruprecht an der Raab gekommen. Zur SS. Im Februar 1944 habe ich schließlich den Einrückungsbefehl bekommen. Zuerst fuhr ich nach Deutschlandsberg, dort hat man mir gesagt dass ich nach Deutschland muss, nach Cottbus. Ich war bei der Division Großdeutschland, bei den Panzerpionieren.

Die „Division Großdeutschland“ war ein militärischer Großverband der Wehrmacht. Bis Juli 1944 wurde sie im südlichen Bereich der Ostfront eingesetzt.

Ich wurde sechs Monate ausgebildet. Wir haben Brücken gebaut, hatten auch ein wenig Infanterieausbildung. An der Spree haben wir Brücken gebaut, Holzbrücken. Dann waren wir am Rhein, in Elsass-Lothringen. Wir haben täglich Pontonbrücken errichtet, aufgebaut, abgebaut.  In einer Dreiviertelstunde war so eine Brücke fertig, 60 Meter lang. Dann konnte der Panzer darüber fahren. Schlussendlich musste ich an die Front.

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Da ging es richtig los. Neue Kleidung, neue Waffen. Dann fuhren wir hinauf, bis nach Riga. Dort bekamen wir etwas zu essen, danach mussten wir schon marschieren. Unterwegs sah ich einen Verwundeten, der ist an der Straße gesessen. Der hatte keine Hand mehr. Sondern nur mehr einen Knochen. Nackten Knochen.

Der Kerl ist auf eine Mine getreten. Der Sanitäter hat ihn gerade verarztet. Als ich selbst verwundet wurde, musste ich an ihn denken, wie er da so saß, an der Straße. Ich bin ja auch auf eine Mine hinaufgekommen. Knall hat es keinen gemacht, man hört da nichts, das geht unglaublich schnell. Als man mich verarztete, wurde ich kurz wach und griff an meine linke Seite. Da war aber nichts mehr, die Hand war weg.

Drei Tage lang war ich bewusstlos, dann kam ich nach Königsberg, in ein Lazarett. Bei meiner linken Hand haben sie den verstümmelten Teil abgezwickt. In meinem linken Auge waren zahlreiche Splitter, Holzsplitter. Ich kam nämlich, als ich mich bei Beschuss auf den Boden warf, bei einer Holzkastenmine an. Mein Gesicht war verbrennt, mein linkes Ohr kaputt. Der Ohrenarzt meinte später, das es nicht aufgrund der Detonation kaputt wurde. Mein Trommelfell hat es verbrannt. Nicht weggerissen, sondern einfach verbrannt.

Hermann Kraxner als Wehrmachtssoldat
Hermann Kraxner als Wehrmachtssoldat

Das Gefühl, wie es war in den Krieg zu ziehen, kann Hermann Kraxner nicht wirklich beantworten. Aufgrund von Spritzen, wie er erzählt, die zu einem bestimmten „Wurstigkeitsgefühl“ führten. Wie abgestumpft er als Soldat agierte, zeigt ein Unfall mit einer sogenannten Riegelmine 43 – einer Panzerabwehrmine.

Da gibt es kein Gefühl. Wir haben in der ganzen Zeit achtzehn Spritzen bekommen. Einmal hier, einmal dort. Und da wird dir oft so… da wird dir alles so wurscht. Ja. Da wird dir einfach alles wurscht.

Wir haben viele Minen verlegt und ausgegraben. Einmal bekamen wir auch Riegelminen, die waren wie ein Riegel, acht oder zehn Zentimeter lang. Da haben sie zu uns gesagt, dass wir nicht aufpassen müssen, die gehen erst hoch wenn 250 Kilogramm darauf kommen. Wenn ein Panzer darüber fährt zum Beispiel. Wir haben die Minen verlegt, und ich stehe so da, habe meinen Stahlhelm nur locker auf und stecke gerade den Spaten ein. Auf einmal macht es einen Knall. Da ist einer auf die Mine hinaufgestiegen. Und weg war er.

Den hat es zerissen, da hat man nichts Ganzes mehr gefunden. Mir hat es meinen Stahlhelm vom Kopf herunter geweht, wegen der Detonation. Ich habe meinen Helm gesucht, und fand stattdessen ein Stück Fuß. Im Stiefel drin. Aber der Stahlhelm war wichtiger. So wurscht wird dir das. Man bekommt so ein Wurstigkeitsgefühl, das ist unglaublich. Durch die Spritzen glaube ich. Nur wegen denen.

Die Spritzen, von denen Kraxner spricht, dürften einen ähnlichen Wirkstoff wie die Pillen „N-Methylamphetamin“ (auch genannt Pervitin) enthalten haben; Drogen, die millionenfach an Wehrmachtssoldaten verteilt wurden, je nach Zusammensetzung bestehend aus einer Mischung von Meth, Crystal oder Speed. Hauptsächlich kamen diese Drogen bei den Blitzkriegen gegen Polen und Frankreich sowie in den letzten Kriegswochen zum Einsatz.

Uns hat man nicht gesagt warum wir diese Spritzen bekommen. Einfach nur, dass es heute eine Spritze gibt. Ich habe zuerst probiert bei der Haut zu drücken, damit das wieder heraus kommt. Aber das ging nicht, das Zeug war ja schon in mir.

Versucht wurden diese Drogen immer wieder an KZ-Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen. Hier gelangte vor allem ein Mix aus Pervitin, Kokain und dem Schmerzmittel Eukodal zum Einsatz. Die Drogen verursachten eine Verringerung des Schlafbedürfnisses sowie eine Erhöhung des Selbstvertrauens und der Risikobereitschaft.

(c) Maximilian Tonsern

Wut über den Drogencocktail, den man ihm verabreichte, spürt Hermann Kraxner keine. Er nahm es einfach so hin. Nach seiner Verwundung war er allerdings mutlos.

In der ersten Zeit denkt man sich schon: Hätte es mir den Kopf weggerissen, wäre ich besser dran. Man mag einfach nicht mehr. Ich war ja noch nicht einmal zwanzig Jahre alt und schon ein Krüppel. Ich dachte mir, was nur aus mir werden soll, mit nur einer Hand, sehen tu ich nichts, und hören schon gar nicht. Aber dann spielte ich Karten, ging mit Kameraden ein wenig spazieren, habe mich unterhalten. Dann hat einer mit der Harmonika gespielt, ich habe dann auch angefangen, konnte ein paar Stücke spielen. Man fasst irgendwie wieder Mut.

Nachdem immer mehr Verwundete ins Lazarett kamen, haben sie mich ausquartiert. Ich war dann in einem Gasthaus. Dort habe ich über das Radio erfahren, dass der Krieg aus ist. Die Wirtin dort sagte zu mir: „Bist froh, dass du jetzt wieder Österreicher bist?“ Aber mir war das eher wurscht. Ich war ja ein Krüppel, was sollte nur aus mir werden. Aber mit der Zeit bekommt man wieder Lebensmut. Und erst recht als ich dann wieder daheim war.

Am 7. September 1945, nach mehrwöchiger Gefangenschaft in einem amerikanischen Lager, kommt Hermann Kraxner wieder nach Hause. Der Landwirt bringt es, trotz seiner Behinderung, im Laufe der folgenden Jahre zur handwerklichen Perfektion und stellt unter anderem zahlreiche Spinnräder her. Ob ihm seine Jugend gestohlen wurde, vermag er nicht so recht zu beantworten.

Hm… Damals macht man sich keine Gedanken. Aber nachher, als ich daheim war, dachte ich mir, was ich jetzt anfang mit mir. Ich war ja ein Krüppel. Aber geschafft habe ich es dennoch.

(c) Maximilian Tonsern

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