Den Widerstand neu zeigen

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, ein Ort der stetigen Erinnerung an die (wenigen) WiderstandskämpferInnen im nationalsozialistischen Deutschland, wurde vor kurzer Zeit neu gestaltet. Für die Neueröffnung, bei der auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel eine Rede hielt, fuhr ich nach Berlin. Ein Bericht.

Vor dem Hotel Maritim in der Stauffenbergstraße wuselte es vor Besucher und Besucherinnen – ein wenig vielleicht wegen dem Bundestreffen des Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks, hauptsächlich aber anlässlich der Neueröffnung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (GDW).  Eine Gedenkstätte, die sich mit dem Widerstand zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt, und an der ich 12 Monate lang meinen Gedenkdienst (=Zivildienst) ableisten durfte. Die Gedenkstätte ist im sogenannten Bendler-Block untergebracht, daneben hat das Bundesministerium der Verteidigung seinen Sitz. Die Dauerausstellung behandelt die Geschichten zahlreicher Widerstandskämpfer und -kämpferinnen: neben den Protagonisten des 20. Juli 1944 (Stauffenberg-Attentat) unter anderem auch die Geschichten der Mitglieder der Roten Kapelle, der Weißen Rose, den Widerstand durch Roma und Sinti, durch Juden und Jüdinnen, durch kommunistische und andere politische Verbände sowie sogenannte Stille Helden.

Zur Feier

Knapp 800 Menschen wurden zur Eröffnungsveranstaltung im Hotel Maritim geladen. Darunter befanden sich auch zahlreiche Ehrengäste, unter anderem Inge Deutschkron, WiderstandskämpferInnen sowie Nachkommen des Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg sowie politische Vertreter und Vertreterinnen. Nebst Klaus Wowereit hielt auch Angela Merkel eine Rede. Sie ging vor allem auf die Mitglieder der Verschwörung des 20. Juli 1944 ein, erinnerte an die damaligen Geschehnisse und den Putschversuch und unterstrich die Wichtigkeit das Andenken an jedweglichen Widerstand zur Zeit des Nationalsozialismus fortzuführen.

Das Schweigen, die Gleichgültigkeit, das Wegschauen der großen Mehrheit – das war dann auch die Grundlage, ohne die der Holocaust und der Weltkrieg nicht möglich gewesen wären. Dies auszusprechen, fällt auch heute noch schwer. Es tut weh. Es ist eine schwere Bürde. Und diese Bürde lastet auf uns. Sie überträgt uns eine immerwährende Verantwortung für die Zukunft. (Angela Merkel)

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Zur neuen Ausstellung

Ich will es so ausdrücken: Es war längst an der Zeit, dass die Daueraustellung in der Gedenkstätte überarbeitet wurde. Zu lang waren die Informationstexte, zu massig und unattraktiv die Darstellungsformen. Wohl ein jeder Besucher und eine jede Besucherin wurde von den Informationen schlichtweg erschlagen. Das Thema des Widerstandes ist, obwohl so wenige Widerstand leisteten, ein großes. Es gibt zahlreiche (wenn auch nicht alle) Geschichten und Dokumentationen des Widerstands, die in der GDW dargestellt werden. Für die neue Ausstellung wurden die alten Themen neu aufbereitet – und dies gelang wahrlich großartig. Die Ausstellung zeigt sich farblich ansprechend, modern und hell. Es wurde an Fotografien eingespart, einige wurden neu hinzugefügt. Texte wurden komprimiert, neu geschrieben.

Monitore mit einer Hülle und Fülle an klickbaren Hintergrundinformationen ergänzen den jeweiligen Ausstellungsteil. Besonders sehenswert fand ich das Zimmer, in dem der Ablauf des 20. Juli 1944 detailliert dargestellt wird – mittels eines „Live“-Tickers, der davon berichtet, was zu welcher Uhrzeit damals vor sich ging. Das Zimmer ist übrigens das Todeszimmer von Ludwig Beck, der Mitverschwörer des 20. Juli 1944 versuchte sich in diesem Raum zweimal selbst zu töten, nachdem ihm das nicht gelang wurde er von den Nazis erschossen. Daran erinnert eine Tafel an der Wand – eine Tafel, die man auch schon in der alten Dauerausstellung fand.

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Das führt auch zum letzten Punkt des vorliegenden Berichtes aus Berlin. Von der alten Dauerausstellung hat man wenig gelassen. Die massivste visuelle Änderung findet man wohl in den Räumen, der den Widerstand aus sozialistischen und kommunistischen Kreisen beschreibt. Sehr sauer allerdings stieß mir auf, dass man an einer Wand, an der Bilder von Personen hängen, die in den 20. Juli 1944 verwickelt waren, noch immer Kurt Schuschnigg hängen hat – und dies unkommentiert.

Schuschnigg, austro-faschistischer Bundeskanzler in Österreich, versuchte Österreich als christlichen „besseren deutschen Staat“ als es das Deutsche Reich war, zu formen. Unter seiner Herrschaft wurden tausende Österreicher und Österreicherinnen aus politischen Gründen inhaftiert und in Anhaltelager verschleppt. 1938 musste Schuschnigg sein Amt räumen, „Heil Schuschnigg“ wurde nicht mehr gesagt und Hitler wurde in Österreich begeistert empfangen. Schuschnigg wurde verhaftet. Von 1939 bis 1945 befand er sich als Häftling in mehreren Konzentrationslagern, genoß jedoch einen gewissen „Prominentenbonus.“

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Schuschnigg – Arbeitermörder und Diktator im austrofaschistischen Ständestaat inmitten von antinazistischen Widerstandskämpfern

Ich finde es ziemlich bedenklich, dass die Gedenkstätte Deutscher Widerstand den Faschisten Schuschnigg neben wahren Helden wie zum Beispiel Robert Bernardis, der als am 20. Juli 1944 beteiligter Widerstandskämpfer gehängt wurde, so unreflektiert darstellt. Ich wünsche mir deswegen zumindest die Montierung einer Zusatztafel bei Schuschnigg, damit dessen Verbrechen am österreichischen Volk nicht stillschweigend unter den Teppich gekehrt werden! So, wie es momentan dargestellt wird, schmückt man Schuschnigg mit Blumen, die er wahrlich nicht verdient hat. In diesem Sinne: Den Widerstand neu zeigen. Schuschnigg raus.

Update: Die Schuschnigg-Biografie wird überarbeitet.

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