Der alte Mann und der Verkehr

Mindestens einmal in der Woche spaziert ein alter Mann, von der Annenstraße kommend, durch die Hans Resel Gasse – mitten auf der Straße. Eine kleine Alltagsbeobachtung in Graz.

Er trägt ein beiges Sakko, eine weiße Kappe und eine braune Hose, die um seine Knöchel flattert. Eine dicke Brille auf der Nase trippelt er, Schrittchen für Schrittchen, jede Woche von der Annenstraße in die Hans Resel Gasse.

Mehrmals bleibt er stehen, betrachtet sinnierend -und mit sich selbst sprechend- Häuser, Türen, Fenster, den neuen Gehweg, Mülleimer, Straßenbahnen, die vorbeifahren. Er betrachtet Familien, Hunde, die an Ecken ihr Bein heben, drahtige Studenten auf Fahrrädern. Wenn er geht, kreuzt er die Arme am Rücken, er bewegt sich ein wenig vorübergebeugt. Wenn er dasteht, als hätte er Wurzeln geschlagen, ruckt er mit dem Kopf hin und her, deutet mit den Händen auf Objekte, ballt seine Fäuste.

Der alte Mann geht nicht am Gehweg. Er geht mitten auf der Straße. Jedes Mal. Hinter ihm, je nach Verkehrslage, stauen sich Taxis, PKWs, LKWs. Und hupen. Und brüllen. Und schreien Schimpfwörter. Und strecken Köpfe und Fäuste aus den geöffneten Autofenstern und fluchen. Brüllt jemand besonders laut, dann dreht sich der alte Mann um und schimpft unverständlich zurück.

Nie, aber auch nie geht er auf dem Gehsteig. Die Straße ist sein Weg. Passanten, die ihn vorsichtig, aber bestimmt Richtung Fußgängerstreifen schieben, schüttelt er ab, wischt er beiseite wie lästige Fliegen, dann trippelt er weiter. Fahrradfahrer, die langsam neben ihm herfahren und ihm erklären, dass er auf der Straße geht, möchte er wohl am liebsten vom Drahtesel schubsen.

Unbeirrt geht er. Schreitet dahin. Lässt sich nicht vom unablässigen Strom und Puls der Stadt in die Irre führen. Ein wandelndes Denkmal für alte, längst vergangene Zeiten, die so vergangen doch nicht sind.

0 Antworten auf “Der alte Mann und der Verkehr

  1. schön beschrieben – da bekommt die Leserin einen guten einblick in einer Situation die es heutzutage einfach nicht mehr gibt, bzw. nicht zu geben hat. es berührt mich das dieser mensch sich einfach nicht beirren lässt – einfach im hier und jetzt lebt und einfach ist. so tun es kinder und clowns – diese story wäre ein clownstück/theaterstück wert – danke für die inspiration!

      1. sehr gerne – meist ist es so das die leut nur kirtisieren und sagen was schlecht ist – mir ist es ein anliegen zusagen wenn ich etwas toll finde – vielleicht gelingt es ja mehreren menschen auch so zu handeln wenn ich es vorlebe – jedenfalls wünsche ich dir weiterhin positives feedback cu

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