Der alte Olivenbaum

„Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ – so das Motto der Assassinen in den Spielen von „Assassin’s Creed“. Vor kurzem kam ein neuer Teil der Reihe heraus. Ein Review.

Die Perlen der silbernen Kette rieseln durch meine Finger, der alte Händler nickt, der weißgraue Bart wippt leicht im Rhythmus seiner Atemzüge. Das Silber und Gold, seine Schmuckstücke, hat er alle von Beduinen in der Wüste geholt, meint da meine ältere Schwester, während wir wieder zurück auf die enge, von Düften und lauten Rufen durchzogene Gasse treten. Wir schlendern weiter, an einem großen, dunkelblauen Tor vorbei, in dem sich eine kleine mit Ornamenten verzierte Tür befindet. Für die Kreuzritter früher, sagt meine Schwester, damit die vom Pferd absteigen mussten und nicht arrogant und frech einfach so in jedermanns Hof ritten.

Spätestens jetzt hat mich Jerusalem mit all seinen Geschichten, Mythen und Geheimnissen gepackt. Als ich am Dach des österreichischen Hospiz stehe, sehe ich auf diese große Stadt, und mir wird mit einem Mal bewusst, wie unglaublich geschichtsträchtig sie sowohl in der Gegenwart ist als auch in der Vergangenheit war. Zeitreisen müsste man können, meine ich zu meiner Schwester, und wir gehen.

Jahre später wird dieser Wunsch zumindest ein bisschen Wirklichkeit. Ich sitze auf einem Pferd, hinter mir befindet sich eine Karawane mit Händlern, vor mir schreiten betende Priester. Ich blicke auf ein Jerusalem des 12. Jahrhunderts, es ist die Zeit des dritten Kreuzzuges. Ich reite zum Damaskustor, steige ab, und laufe zur Wohnung meiner Schwester. Die gibt es nämlich im animierten Jerusalem auch schon – nur spielt sich das ganze im wahrsten Sinne des Wortes digital ab. In Wahrheit sitze ich nämlich vor dem Computer und spiele den ersten Teil einer Spielereihe, dessen Faszination mich nie wieder verlassen sollte: Assassin’s Creed.

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Zusatzinformation, I.

Die Geschichte handelt von einem ewigen Kampf des Guten gegen das Böse, und sie ist sehr komplex. Rechnet man die ergänzenden Bücher, Comics und den Film hinzu, so ist die gesamte Geschichte wie ein großer, alter Olivenbaum, dessen Äste sich knorrig gegen den Himmel strecken und sich immer wieder verästeln, die zarten olivgrünen Blätter sprießen nur so. Doch mit Spielen macht man bekanntlicherweise Geld, und so verkümmerte der starke Ast des Baumes, Profitgier und Gewinnmaximierung brachten Fortsetzungen zum Vorschein, die mit der wahren faszinierenden Grundidee wenig bis überhaupt gar nichts zu tun hatten.

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Zusatzinformation, II.

Ich spielte sie trotzdem, der Liebe zur Vollständigkeit halber, ärgerte mich aber immens über enttäuschende Enden (AC: Unity) und sprichwörtlich hirnrissige Story-Inhalte (AC: Syndicate). Nichts kam mehr an den Zauber des ersten Teils, an die Atmosphäre und Tiefe der Geschichte des Assassinen Altaïr Ibn-La’Ahad im heiligen Land heran. Das nachfolgende Spiel mit dem Assassinen Ezio Auditore da Firenze, der im späten 15. Jahrhundert zur Zeit der Renaissance in Florenz lebt (und der maßgeblich zum Erfolg der Serie beitrug), ging zwar anfangs in die richtige Richtung, lies die vielversprechenden Zweige des Baumes aber verdorren und verlor sich in zahlreichen Fortsetzungen, die mehr als mühsam waren.

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Zusatzinformation, III.

Zehn Jahre später jedoch spuckt Entwicklerfirma Ubisoft große Töne: Ein neuer Teil wird präsentiert, eine neue, alles erklärende Geschichte, mit Tiefe und Rückbesinnung auf den Beginn des ganzen Credos, kurzum: neue Kraft für den knorrigen Olivenbaum. Assassin’s Creed: Origins wurde letzte Woche veröffentlicht.

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Das neue Assassin’s Creed punktet nicht nur in Sachen Schönheit.

Von Euphorie und Neugierde getrieben, startete ich pünktlich eine Minute nach dem offiziellen Release-Termin das Spiel. Und fühlte mich prompt an alte Zeiten erinnert – wieder reite ich dahin, diesmal in der Wüste, über mir ein Adler, vor mir eine Oase, im Hintergrund Berge. Das Setting spielt nun in Ägypten, die Bruderschaft steckt in ihren Kinderschuhen, der Templerorden aber anscheinend ebenfalls. Die Details im Spiel sind atemberaubend, Färber, Gerber und Bauern gehen ihrem Leben nach, (Raub)Tiere bevölkern die Gegenden rund um den Nil und von der Spitze der Cheops-Pyramide sieht man das Flirren in der Wüste.

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Ab in die Wüste! In Grabkammern hatte ich einmal sogar ein Gefühl der Enge – das Spiel macht wirklich Spaß.

Obwohl ich nach guten 24 Stunden Spieldauer erst 30 Prozent der Story entdeckt und gespielt habe, traue ich mich – vorerst! – zu sagen: Ein gelungener Neustart der Spielereihe, ein bisher würdiger Start der Geschichte rund um die Assassinen, Templer und erste Zivilisation. Vieles erinnert an den glorrreichen ersten Teil – und bisher scheint die Symbiose aus einer guten Geschichte und massig viel Gameplay, dass wunderbar viel Spaß bereitet, gut zu stimmen. Die Oliven wachsen also, wenn man es so haben will.

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