Der Geisterblog

Wir schreiben das Jahr 2089. Ein gedanklicher Ausflug in die Stunden vor meinem Ableben, Gedanken zu der automatischen Weiterführung meines Blogs und zu Nachrichten eines Toten.

Wir schreiben das Jahr 2089. Und ich werde bald sterben. So etwas spürt man, wenn man alt ist, so etwas weiß man, wenn es soweit ist.

Gestern noch kam mich mein Enkel besuchen. Wir sprachen über alte Zeiten, damals, als nichts so war wie heute. Wenn ich ihm von den seltenen Tagen erzähle, an denen ich absichtlich ohne Smartphone, Internet und Computer lebte, muss er glucksen und lachen. Dennoch nehme ich in seinen Augen eine gewisse Sehnsucht wahr. Er vermisst Zeiten, die er nie erlebte, Zeiten und Ereignisse, die er nur von Erzählungen kennt. Stolz erzählte er mir davon, letztens den Karton voller Zeitungen gefunden zu haben, mit den ganzen Artikeln von mir darin, die seine Oma verlässlich immer mit der großen, schwarzen klappernden Schere ausschnitt. Und er erzählt mir davon, wie er seinen Schulkollegen und Schulkolleginnen meinen Blog gezeigt hatte, wie jene staunend jenes Relikt aus einer alten Zeit betrachteten und vergeblich nach interaktiven Belanglosigkeiten suchten.

Ab und zu noch ein „Du fehlst mir“.

Ich werde sterben, habe ich ihm gesagt. Dass ich im Internet weiterleben werde, habe ich ihm schelmisch verschwiegen. Viele Geschichten werden noch auf meinem Blog veröffentlicht werden. Automatische Veröffentlichung sei Dank. Zeitgleich werden meine Geschichten als Teaser über Facebook und Twitter angekündigt werden – wenn auch die Intensität der Facebook-User abnahm, so habe ich dort noch immer einen Bekannten- und Freundeskreis, der mitunter auch schon aus Toten besteht.

Studienkollegen, Leute, die ich von der Zeitung kenne – allesamt schon seit einiger Zeit verstorben, nur mehr virtuell existierend.Von Zeit zu Zeit erhalte ich von einem gar Nachrichten,  wenn jene auch nur darauf hinweisen, dass ich mittels eines neuen Bankkonto bei dieser und jener Bank mehr Vorzüge genießen würde als bei meiner jetztigen. Einige meiner Freunde haben wohl beantragt, im Falle ihres Ablebens von Facebook gelöscht zu werden, wirklich völlig aus dem (Social Media) Leben zu verschwinden. Einige andere verfügten, dass ihr Account in den Gedenkzustand versetzt wird – nutzloser Krimskrams, durch den Verwandte, Angehörige und Fremde  ab und zu noch ein „Du fehlst mir“ schreiben. Darauf werde ich gezielt verzichten – auch die Beta Version des künstlichen Profils, also eines, das so tut als ob, ist überhaupt nicht mein Ding. Mein Profil soll bleiben. Und meine Blogeinträge anteasern.

Der Weg zur Unsterblichkeit. Oder so.

Werden meine Ankündigungen auf Facebook geliked, auf Twitter favorisiert und retweeted werden? Mich wird’s nicht mehr kümmern, liege ich bis dahin doch schon still und einsam auf einer Bahre, von allen Lebensgeistern verlassen, tot. Zumindest mein Enkel wird sich freuen, von seinem Opa weiterhin etwas zu lesen – lustige Geschichten aus meiner Kindheit, aus der Vergangenheit, aus Zeiten, die er nur vom Hörensagen kennt. (MHT 26. März 2013)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.