Der Kellner ist König

Nach einem Redaktionsbesuch bei der Tageszeitung Der Standard begab man sich in eine Lokalität, die wohl in Wien einzigartig ist: Im Ludwig Van fühlt man sich wie in einer anderen Zeit. Und trifft einen urigen Kellner mit Wiener Charme und Schmäh.

Durch den schwarzen schweren Vorhang getreten fragt man, ob geöffnet sei. Zynisch lächelt der Kellner, von hoher Statur, und mustert einen kritisch. Er bittet dennoch herein. Kommt zum Tisch und fragt herablassend, ob man denn das Tagesmenü haben möchte. Verwundert nimmt er zur Kenntnis, dass man die Karte will. „Natürlich, die Herren.“

Das Restaurant Ludwig Van heißt nicht zufällig so. Im Haus darüber lebte, nachgewiesen, Ludwig Van Beethoven. Im Ludwig Van gibt es typisch Wiener Küche. Deftige Kost. Die Suppe kommt vor den Getränken. Der Kellner, grauhaarig, trägt eine schwarze Weste über einem blaukariertem Hemd und eine schwarze grobe Schürze. In der Stube riecht es streng nach alten Mobiliar, der Boden abgenutzt, ein klassischer Hutständer in der Mitte.

Sie dürfen Schulluft schnuppern.

Am Nebentisch eine alte Dame, klein und gebückt. Die goldene Brille mit dicken Gläsern auf der Nase. Der Kellner spricht mit vollem Mund zu ihr. Das von ihr auf den Tisch gelegte Geld ist zuviel für die Rechnung. Sie seufzt und jammert beim Aufstehen. „Auweh. Auweh. Oh. Ohje. Auweh.“

Zuvor hat der Kellner die Bestellung laut in die Küche hineingerufen. Er lehnt am Tresen, unterhält sich mit dem nicht sichtbaren Koch über die Luke und kaut beständig. Seine Schuhe klackern am Boden, als er zu einem weiteren Tisch geht, an dem sich ein Paar befindet. Die Szene wird ein wenig grotesk, völlig aus dem Nichts heraus entsteht eine Konversation zwischen den Dreien. „Sie dürfen Schulluft schnuppern.“ „Ja.“ „Mhm.“ Der Kellner schlurft vorbei.

Net Hoppala machen.

Die alte Dame geht. Der Kellner poltert laut. „Auf Wiedersehen gnä‘ Frau! Aufpassen! Net Hoppala machen.“ Sie bedankt sich und schlürft hinaus. Die Brille mit den dicken Gläsern im Etui verstaut. Währenddessen wird das Schnitzel geklopft, später hört man es brutzeln. Der Kellner lehnt wieder am Tresen zur Küche, er isst, man hört die Gabel an den Zähnen anschlagen.

Am Nebentisch, an dem zuvor über Schulluft palavert wurde, beginnt ein Herr Huber eine Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Er durfte als kleiner Junge das Holz für die Gattin seines Lehrers hinauftragen, in den vierten Stock. Und dass er sich mit „einer Watschen“ später als Erwachsener beim alten Lehrer rächte. Wieder entwickelt sich eine abstruse Diskussion, die darin endet, dass man streitet, wie alt die Erde sei. Der Kellner weiß es nicht und steht auf.

„Gut hast du gekocht, mein Freund“, ruft der Kellner zum Koch hinein. Schließlich legt er die handgeschriebene Rechnung auf die Mitte des Tisches. Jeder begleicht seine Rechnung. Und geht.

Fotocredits: Lucas Kundigraber

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