Designer an die Macht

Wenn man mal als Designer einen Mitbewohner hatte, der Journalismus und Public Relations (PR) an der FH JOANNEUM studierte, dann hinterlässt dieser Umstand diskussionsbedingt Spuren. Diskussionen zum Beispiel über Michael Fleischhackers ausgerufenen Tod der Zeitungen. Die Schnelligkeit des Internets, zusammen mit der Mobilität, es via Laptop und iPhone überall aufrufen zu können, hat Printzeitungen obsolet gemacht. Oder?

Das Konsumverhalten hat sich definitiv geändert, die meisten Zeitungen haben sich mit Online-Formaten mehr oder weniger der Zeit angepasst. Andere Szenarien für die Zukunft der Print-Zeitung wäre eine kostenlose Verfügbarkeit, neuere, kleinere Formate, mehr Lokalitätsbezug. Dabei würden aber Kosten anfallen. Mit all diesen Zwischenschritten würden wir dem Printbereich aber nur ein bisschen mehr Zeit verschaffen. Wie einem Patienten, der an lebenswichtigen Geräten hängt, aber dennoch sterben wird.

Was können wir also tun?

Gebt uns Designern die Macht!

Wenn ich mir die großen Zeitungen ansehe, wie etwa den „Kurier“, „Die Presse“ oder „Der Standard“, dann fällt mir persönlich vor allem eins auf: eine Bleiwüste folgt auf Bleiwüste. Automatisch denke ich mir, dass ich alles viel angenehmer im Web lesen könnte, und mich das nicht interessiert. Diese Texte springen nicht ins Auge. Das ganze Design springt nicht ins Auge.

Wenn man aber uns Designern die Macht gäbe, könnte alles so anders sein. Wenn man Designer nicht an strenge Auflagen und mühsame Traditionen anketten würde, könnten sie gar komponieren – quasi eine eine Komposition fürs Auge. Zuerst das Cover, das Titelblatt – hierbei sollte man Designern die größtmögliche Freiheit gewährleisten, sie könnten mit Typografien und Illustrationen experimentieren. Der Designer Jacek Utko machte es so mit einer polnischen Zeitung – der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Nach dem Titelblatt wäre die nächste Seite dran, dann die nächste, alles zusammen als ein einziges Stück, dass nur in einem bestimmten Rhythmus fließen kann. Dieser kann Höhen und Tiefen beinhalten – die Gestaltung ist für die damit verbundene Erfahrung verantwortlich. Wir Designer wären dann verantwortlich für die neue, kraftvolle Erfahrung, die Leser beim Durchblättern der fertig gestalteten Zeitung machen würden.

Gestaltung ist dennoch nur ein Teil des Vorgangs

Seit Jacek Utko eine Zeitung selbst gestaltete, konnte sogar die Auflage wachsen: Nach drei Jahren um bis zu 35 Prozent. Für Utko ist Gestaltung dennoch nur ein Teil des Vorgangs. Es ging nicht hauptsächlich darum, zu verändern, sondern das Produkt komplett zu verbessern. Utko nahm eine architektonische Regel über Funktion und Form und setzte sie in Inhalt und Gestaltung der Zeitung um. Und obenauf setzte er auch noch eine Strategie. Zunächst stellte er der Zeitung eine große Frage: „Warum macht ihr das? Was ist euer Ziel?“ Danach passte Utko und sein Team den Inhalt dementsprechend an. Und dann, in der Regel nach zwei Monaten, begann sein Team mit der Gestaltung.

Die Überraschung war bei seinen Vorgesetzten am Anfang sehr groß. Warum stellte Utko ihnen all diese geschäftlichen Fragen, anstatt ihnen nur Seiten zu zeigen? Dann merkten seine Vorgesetzen aber, dass dies eine neue Rolle des Designers ist; vom Anfang bis zum Ende in diesem Vorgang miteingebunden zu sein. Nicht nur in einer halben Stunde ein Bild oder eine Karikatur zu zeichnen, nicht nur zu bestimmen, wo Schrift kursiv gesetzt wird, wo sie fett gesetzt wird et cetera – sondern mittendrin, von Anfang an dabei, sodass sich das Endprodukt zu einer einzigartigen Harmonie zusammenfinden konnte.

Gestaltung kann also nicht nur das Produkt verändern, sondern auch den Arbeitsablauf. Sie kann ein Unternehmen komplett auf den Kopf stellen. Gestaltung kann sogar innerlich verändern – und wer wäre dafür verantwortlich? Die Designer.

Der Autor

Micka Messino ist alles andere als ein Autor. Der selbstständige Grafikdesigner, dessen Werke man unter MickaMessino.com begutachten kann, schrieb trotzdem einen Beitrag für Feuilletonsern.at.

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