Die Freiheit, die ihr meint

Tamara Arnaut lebt in Balti, sie arbeitet dort als Deutschlehrerin am Gogol-Lyzeum. Für Feuilletonsern.at gewährt sie regelmäßig Einblick in ein in Europa relativ unbekanntes Land: Moldawien. Dieser Beitrag ist der zweite Teil ihres Gastbeitrages, der die drastischen Folgen der wirtschaftsbedingten Emigration für Moldauerinnen schildert.

An der Grenze zur Europäischen Union, kaum zwei Flugstunden von Wien entfernt, führt die schwierige ökonomische und soziale Situation in Moldawien dazu, dass hunderttausende Männer und Frauen ihr Heimatland verlassen und in anderen Ländern einer illegalen Beschäftigung nachgehen. Viele dieser Menschen sind Frauen, viele von ihnen zieht es – in Anbetracht der rigorosen Reisebestimmungen in die EU – zunehmend auch in die Türkei. Aber auch die Russische Föderation und die Ukraine sind neben EU-Ländern begehrte „Reiseziele“ vieler MoldauerInnen.

Frauen aus Moldau arbeiten im Ausland häufig als Haushaltshilfen, aber auch als Prostituierte. Oft werden diese Frauen entführt oder unter Vortäuschung falscher Tatsachen in ein anderes Land gelockt. Es gibt freilich auch Frauen, die aus freien Stücken handeln. Sie hoffen, genug Geld zu verdienen, um eines Tages in ihre Heimat zurückkehren und ihre Familie ernähren zu können. Drei Viertel dieser Frauen sind zuvor noch nie auf den Strich gegangen. Inoffizielle Schätzungen beziffern das jährlich aus dem Ausland nach Moldau transferierte Geld auf eine Summe von mehr als einer Milliarde Euro, was etwa einem Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Karolina und Anna – zusätzliche Dienste, freiwillig und gezwungen

Doch dieses Geld bewirkt im Ganzen gesehen weder eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung, noch und ein Wirtschaftswachstum im Land hervor. Es trägt zur Trennung von Familien, ohne Eltern aufwachsenden Kindern, vor allem aber zu einem in Moldau wie im Ausland zerstörten Leben der Betroffenen bei. Zwei Moldauerinnen, die im Ausland ihr Geld verdienen, bin ich auf einer Reise in die Türkei begegnet. Doch das Land tut nichts zur Sache: Was sich hier in der Türkei ereignet hat, findet in diesem Moment auf eine ähnliche Weise in Österreich, Deutschland, Russland, Italien oder Frankreich statt.

Das Model Karolina (29) arbeitet für eine Model-Agentur in der Türkei und bietet parallel „zusätzliche Dienste“ an. Sie hat sich mit ihrer Lebensweise arrangiert, wurde nicht zu ihrer Tätigkeit gezwungen und sieht sich nach eigenen Angaben auch nicht als Prostituierte. Nach Meinung von Karolina hat sie sich frei für ihr derzeitiges Leben entschieden. Die von ihr gewählte Arbeit sei zudem nicht schlechter oder besser als andere. Darüber hinaus sei Prostitution ein ausgesprochen lukratives Geschäft, besonders heutzutage, besonders in der Türkei und anderen muslimischen Ländern, wo moldauische Frauen zuweilen als „Nataschas“ bezeichnet werden.

Die Lebensgeschichte von Anna (27) nimmt sich dahingegen gänzlich anders aus. Ihr Schicksal steht für dasjenige von Tausenden Frauen aus Osteuropa, von denen niemand spricht. Mit 22 hat sie ihre Heimatstadt Comrat im Süden von Moldau verlassen, weil sie ihre „große und wahre“ Liebe im Internet gefunden hatte. Der Mann war ein Türke, der seinen eigenen Angaben nach reich, ledig und gutherzig sei. Nach einem Monat Briefwechsel beschloss Anna zu ihrem Geliebten zu fliegen. Sie wurde von ihm am Flughafen abgeholt und mit dem Auto in ein unbekanntes Dorf gebracht. In Begleitung ihres „Geliebten“ betrat sie ein Haus, das von diesem Moment an zu ihrem Gefängnis, oder besser gesagt: zu ihrer Folterzelle wurde. Während eines fünf Jahre andauernden Albtraumes wurde Anna mehrmals weiterverkauft. Ihre Zuhälter haben sie zur „Eingewöhnung“ wiederholt vergewaltigt.

Der Arbeitsalltag von Anna und anderen Frauen bestand darin, 24 Stunden täglich und an sieben Tagen in der Woche „verfügbar“ zu sein.  Sie hatten kaum Zeit zum Essen und zum Schlafen. Damit sie nicht verrückt wurden, griffen sie auf „Empfehlung“ des Zuhälters zu Drogen und Alkohol. Anna versuchte mehrmals sich zu wehren. Wenn sie sich weigerte, ihre Freier zu „bedienen“, wurde sie vom Zuhälter verprügelt, misshandelt und erneut vergewaltigt. Am Ende ihres Leidenswegs hatte Anna, wenn so man sagen darf, Glück, denn jemand von den Nachbarn, so vermutet Anna, hatte sich bei der Polizei beklagt.

Die türkische Polizei brachte sie in ein Flüchtlingsheim. Anfang Januar 2014 kehrte sie neben mir im Flugzeug von Istanbul nach Chisinau in ihr Heimatland Moldau zurück. Mit einem kaputten Körper, einer zerstörten Seele, und einem „Leben“ voll von Angst und Misstrauen. Aber sie war doch schließlich frei in ihrer Entscheidung, zu gehen. Oder nicht?

Den ersten Teil des zweiteiligen Gastbeitrages von Tamara Arnaut finden Sie hier.

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