Die Krux mit der Vergangenheit

Wie ein Kollege und ich daran scheiterten, einem ehemaligen Waffen-SSler Erinnerungen zu entlocken. Und warum wir das eigentlich sehr schade finden.

Mittwoch in der Früh, es ist angenehm frisch. Eine ältere Frau schiebt einen Kinderwagen an uns vorbei, darin ein kleiner Bub, der uns mit großen Augen anstarrt. Wir sitzen auf einer Bank, neben uns machen Gemeindearbeiter Pause, rauchen Zigaretten. Und wir warten. Vor einer Stunde läuteten wir am Häuschen, das aussieht wie jedes andere Haus in der Siedlung im Ort, nördlich von Graz. Geöffnet hat uns derjenige, wegen dem wir gekommen sind. Nur reden wollte er nicht, wir sollen in einer Stunde wieder kommen. Nach einer Stunde stehen wir auf, läuten erneut, treten ein. Nein, heute kann er nicht. Wir fahren wieder. Der Zeitzeuge will nicht reden. Der Zeitzeuge kann nicht reden. Das Alter, meint er mehrmals, und es geht ihm schlecht, sagt er öfters. Wir fahren wieder heim. Die Zeit drängt, wir überlegen uns bereits einen Plan B. Eine Bachelorarbeit hat eben einen Abgabetermin, eine geplante 15-minütige Dokumentation filmt sich nicht von selbst.

Montag, vor siebzig Jahren, im Februar. Die Schlacht um Budapest nimmt ein Ende, die vorrückende Rote Armee wendet sich von der zum Teil zerstörten Stadt weiter nach Westen. Zurück bleiben viele Tote, vor allem auf deutscher Seite. Über 15.000 deutsche Soldaten, darunter auch Einheiten der Waffen-SS, wagten Tage zuvor einen Ausbruchsversuch aus der Einkesselung. Die Aktion endet in einem Desaster, nur um die 300 schaffen es. In der Schlacht um Budapest werden gleich mehrere Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS nahezu vollständig vernichtet. Darunter auch die 8. SS-Kavallerie-Division „Florian Geyer“. Sie wurde aus Angehörigen der Reiter-SS unter Hermann Fegelein im Jahr 1939 gebildet, im Polenfeldzug eingesetzt und erlangte schnell traurige Berühmtheit dadurch, dass man die polnische Bevölkerung terrorisierte und jüdische Bewohner ermordete. Nach Beginn des Überfalls auf Russland wurde die Einheit mit „Säuberungen“ in den besetzen Gebieten beauftragt. Unter „Säuberungen“ verstand man nichts anderes als gezielte Ermordungen von Partisanen, Widerstandskämpfern und jüdischen Bürgern. 1942 wird die Einheit nach Polen verlegt, wo man nach personellen Auffrischungen mit Volksdeutschen wieder zurück nach Russland zur Partisanenbekämpfung verlegt wird. Bei „Einsätzen“ in den Prypjatsümpfen ermorden Soldaten der Einheit in nur elf Tagen über 14.000 Juden. Danach nimmt man an der Besetzung Ungarns teil, erhält den „Ehrennamen“ Florian Geyer, bis man im Dezember 1944 von der Roten Armee in Budapest eingeschlossen wird.

Donnerstag, 70 Jahre danach, es regnet. Wir sind wieder da, hoffen das Beste. Heute ist er nicht müde, heute ist er willig, mit uns zu sprechen. Wir fühlen uns dennoch nicht gerade wohl, haben das Gefühl, den alten Mann zu etwas zu zwingen. Das Gespräch verläuft anfangs nicht gerade gut, er gibt sich verschlossen, griesgrämig. Antwortet knapp und kurz, lässt sich alles mühsam aus der Nase ziehen. Geboren im Westen von Bratislava, nach der Matura hatte er die Wahl – ungarische Armee oder Waffen-SS. Er als Volksdeutscher entscheidet sich für die Waffen-SS. Verabschiedet sich von Schulkollegen, von jüdischen Freunden – die waren sehr nett, wie er mehrmals meint – und erhält die Ausbildung an der Waffe, lernt den Umgang mit den Pferden. Einen höheren Rang als Gefreiter hat er nie inne, wie er zu verstehen gibt. Fegelein sagt ihm gar nichts. Weitere recherchierte Namen von Brigadeführern, Sturmbannführern und sonstigen Führern kennt er auch nicht. Will er vielleicht nicht kennen. Ich frage ihn, ob er Menschen getötet hat. Nicht wissentlich, meint er. War nur an der Flak. Wenn wir ihn danach fragen, wie das damals war, im Krieg, was man dabei fühlte und erlebte, hat er stets die gleiche Antwort parat. Das kann man nicht beschreiben. Das muss man selbst erlebt haben.

Samstag, viele Wochen zuvor. Mein Kollege und ich sitzen zusammen in Graz und besprechen unser Projekt. Das Ziel: das behutsame Porträt eines Zeitzeugen. Der Anlass: 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges. Wir wissen, dass es nicht mehr viele von diesen Menschen gibt, die den Krieg erlebten, die selbst daran beteiligt waren. Wir finden beide solche Geschichten und Erlebnisse hörenswert. Unser Ansporn: Es zu erzählen, damit man daraus lernen kann, damit so etwas nie wieder passiert. Wir stellen fest, dass das Interessanteste der Geschichte, der Kern sozusagen, wohl die Wandlung sei: Er, der als Waffen-SSler im Krieg kämpfte, sprach bei einem ersten, vorsichtigen Gespräch davon, heute überzeugter Pazifist zu sein. Weil der Krieg so etwas furchtbares ist. Wann also fand diese Wandlung statt? Wir nehmen uns vor, genau das herauszufinden. Unser Ziel steht schnell fest: Ein behutsames, bewusst „langsam“ gestaltetes Porträt. Wir wollen ihm viel Zeit geben, Bilder für sich sprechen lassen. Planen Schauplätze mit ein, die wir besuchen wollen, vielleicht ja auch mit ihm, wenn es sein Gesundheitszustand erlaubt. Um den steht es nämlich schlecht, er wurde ja mehrmals verwundet, wie er öfters sagt, das spürt er heute. Im weiteren Rechercheverlauf gibt uns ein Historiker den Tipp, weg vom Täter-Opfer-Denken zu kommen. Wir sollen ihn nicht als Täter betrachten, der er vielleicht ja ist, sondern den jungen Burschen abholen, der sich damals zur Waffen-SS meldete, die Gedanken, Ziele, Illusionen, Erwartungen, die er damals hatte, ihn erzählen lassen. Wir wissen: Genau das wird der schwierigste Part werden. Ihm das Gefühl geben, dass wir nicht urteilen, ihn nicht verurteilen. Wir nehmen uns fest vor, ihm viel Zeit und Raum zu geben, planen das Interview dementsprechend, bereiten uns intensiv darauf vor. Und scheitern dennoch.

Heute. Seine Tochter rief gerade an, er will nicht mehr, dass wir kommen. Wir bemerkten schon beim letzten Mal, dass ihm die – in unseren Augen so behutsam gestellten – Fragen nach seiner Vergangenheit unruhig machten. Wir verpassten diesen einen Moment, wo man sowohl als Fragender, als auch Antworten-Gebender bemerkt, dass ein Gespräch gut läuft, dass man sich auf einer Ebene wieder findet. Er bekam Angst. Trotz unserer Erklärungen, wofür das ganze sei, was dann genau damit passiert, zog er sich immer mehr zurück. Waren wir doch zu direkt? Haben wir doch die falschen Fragen gestellt? War unser gewählter Zugang zur Materie der falsche? Oder handelt es sich bei ihm doch nur um einen verbitterten, alten Mann, der einfach nicht mehr reden will, von diesen alten Zeiten? Ich bin mir keiner Schuld bewusst, sagte er einmal. Und von den ganzen Lagern habe ich nichts gewusst, meinte er ein anderes Mal. Vielleicht entstand in ihm der falsche Eindruck, wir hätten ihn an irgendetwas festnageln wollen. Dass wir einen bitterbösen SSler, der einen Pack an Kriegsverbrechen mit sich trägt, gesucht hätten. Haben wir aber nicht. In einigen Momenten, glaube ich, verstand er unser Anliegen auch. Meinte, dass es gut ist, wenn er uns diese Dinge erzählt. Dann aber siegte doch die Angst. Glauben wir.

Irgendwann, 1947. Er kommt heim. Bei der Schlacht um Budapest war er nicht dabei, wir wissen nicht, warum, können nur spekulieren, dass es mit einem Lazarett-Aufenthalt zusammenlag. Immerhin wurde er dreimal verwundet, wie er erzählt, einmal von einem Granatsplitter, einmal von einer Mine, dann wieder von einem Granatsplitter. Was er dabei fühlte, ob er deswegen den Krieg zu verabscheuen lernte, wissen wir nicht. Wie es war, Kameraden neben sich sterben zu sehen, wie man in solchen Momenten denkt und fühlt, wissen wir nicht. Was ihm bei sogenannten politischen Schulungen, die innerhalb der Division nachweislich stattfanden, eingeimpft wurde, wissen wir nicht. Wie er dann nach Frankreich kam, wo er in Kriegsgefangenschaft ging, wissen wir nicht. Warum er nur zwei Jahre danach schon wieder daheim war, als Waffen-SSler, wissen wir nicht. Wie er nach Hause kam, wissen wir nicht. Was er im Krieg so erlebt hatte, wissen wir nicht. Diese Liste an Nicht-Wissen könnte man noch lange fortführen. Wir wissen aber, was aus dieser Geschichte hätte werden können, vielleicht mit etwas mehr Gespür, Glück von unserer Seite, vielleicht mit etwas mehr Willen, Kooperation von seiner Seite: Ein Porträt über einen Menschen, den viele wohl vorschnell verurteilen würden, dessen Geschichte uns aber viel mitteilen hätte können, vor allem in der heutigen Zeit. Schade darum, finden wir.

3 Antworten auf “Die Krux mit der Vergangenheit

  1. Manchmal ist es besser, nur zuzuhören statt Fragen zu stellen.
    PS.: Bin Fan Deiner sehr gut geschriebenen und inhaltlich wichtigen Texte/Artikel!

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