Die Siedelei

Was meine Siedelei vor einem Jahr mit einem Begräbnis in einem Land im Osten Europas zu tun hat.

Letztens starb sein Onkel. Wieso nicht zu seinem Begräbnis fahren. Vor allem, weil ihm der Onkel lieb war. Mehr als zwölf Stunden Autofahrt, hin zu dieser Stadt im Osten des Landes, kaum Autobahnen, quer durch Europa.

Angekommen, Anzug gekauft, das ganze Drumherum, dem Toten egal, weil tot. Eine Autopsie wurde vorgenommen. War ein Trinker. Hat viel getrunken, der Onkel. Trotzdem ein netter und lässiger Kerl. Einzelgänger, keine Frauen und keine Kinder. War aber eben irgendwie seltsam, in der Früh noch mit einem Saufkumpanen unterwegs, am Abend tot im Straßengraben. Polizeiliche Nachforschungen ergaben aber nichts, er hatte einen Herzinfarkt, viel zu früh von uns gegangen, wie so viele eben. Lag da auf dem Tisch in dieser Leichenhalle. Nackt wie bei der Geburt.

Er steht vor ihm, ist halt irgendwie schon komisch, wenn du zum ersten Mal neben einer Leiche stehst, vor allem wenn du mit der mal gesprochen hast, wenn der mal geatmet hat, Mensch gewesen ist, dir ein guter noch dazu. Als der Onkel im Anzug war, konnte der Leichenbestatter ihn nicht hochheben. Er musste ihm also helfen. Gemeinsam mit dem Leichenbestatter legte er den toten Onkel in den Sarg. Den Deckel, den gaben sie aber nicht drauf. Weil man das eben dort nicht macht, der Deckel erst zum Schluß drauf kommt, wenn es unter die Erde geht. So trug er mit dem Leichenbestatter den offenen Sarg hinaus zum Transporter, der den Onkel zurück zum Dorf, weg von der Stadt, zurück zur Familie bringen soll, zur Trauerzeit hin.

Der Sarg konnte aber im Auto nicht fest gemacht werden. Es fehlte wohl an Schnur, an Riemen, an Klammern, was weiß ich. Der Sarg, noch immer offen natürlich, hätte wohl hin- und herrutschen können, der Onkel, Gott behüte, herausfallen, in den Kurven, auf den staubigen und, was schlimmer ist natürlich, holprigen Wegen. Also stieg er auch hinten ein, zu seinem Onkel, dem Toten. Die Türen gingen zu, Licht gab es hinten nicht, und er saß mit seinem Onkel im Sarg hinten im Auto und hielt den Sarg fest und an sich gepresst und still, damit der nicht hin und herrutscht, damit nichts passiert. Über eine Stunde lang.

Es war komisch, hat er zu mir gemeint. Er hat sich so erinnert an meine Siedelei, wo er auch hinten im Siedelauto stand, und Dinge festhielt, nur war das jetzt sein Onkel, der am Herzinfarkt starb und hinfiel.

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