Die Welt, wie ich sie sehe

Gastautor Andreas Eymannsberger (22) studiert Journalismus und PR in Graz und ist zudem leidenschaftlicher Fotograf. Er macht Fotos für Bands, Paare und Reisereportagen sowie Event- und Imagefilmproduktionen. Seine Werke sind auf Facebook zu bestaunen, folgen kann man ihm auf Twitter. Für Feuilletonsern.at schrieb er einen Essay – über seine Beweggründe, Motive abzulichten, und seine unermüdliche Motivation, zu fotografieren.

1000 Fotografen geben wohl 990 verschiedene Antworten auf die Frage, warum sie fotografieren und was sie dabei antreibt. Für den einen ist es ein Job – erlernbar wie jedes andere Handwerk und Mittel und Weg um Essen, Wohnung oder Auto finanzieren zu können. Manche erfreuen sich an den Resultaten und der Weiterverarbeitung der Fotos. Andere sehen die Welt gerne durch einen Sucher. Die meisten Menschen halten Momente fest, um sich später daran erinnern zu können und diese in sozialen Netzwerken mit der Welt zu teilen. Oder aber eine Mischung aus all diesen Gründen.

So ist es schwierig, meine Motivation und den „Motor“ hinter meinen Fotos auf einen simplen Grund zu reduzieren. Und doch, mein ursprünglichster Antrieb beim Fotografieren ist der Prozess selbst und dessen Auswirkungen auf mein gesamtes Leben. Es ist dieser Prozess des Fotografierens, der dem Fotografen eine spezielle Form von Aufmerksamkeit aufzwingt.

Im Kommunikationswissenschafts-Jargon wird dies als zentrifugale Aufmerksamkeit bezeichnet – das englische Wort „awareness“ beschreibt es besser, als es im Deutschen möglich ist. Es ist ein Zustand der Offenheit, der Wachsamkeit, des Wunderns und des Beobachtens, der sich einstellt wenn ein Fotograf mit einer Kamera durch die Welt zieht. Ein Fotograf lernt diesen besonderen Blick auf Dinge, die Natur, ihre Umgebung und jeden Ort.

Ein Wald zum Beispiel ist nicht mehr nur ein Wald, keine Ansammlung von Bäumen mehr. Ein Wald ist grün – und braun. Ein Wald ist Licht und Schatten, geometrische Formen und Farben. Es ist die Struktur der Baumrinden, die Linien der gerade gewachsenen Bäume und die Farbschattierungen des Waldbodens. Die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach auf Moos oder Farne fallen und das Glitzern des Lichts, wenn es im Morgennebel oder Tau bricht.


Es ist diese besondere Aufmerksamkeit, die es einem erlaubt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Sie lässt einen Momente und Situationen anders wahrnehmen – Details und Ausschnitte erkennen, die einem sonst verborgen geblieben wären. Erst seitdem ich Fotos schieße kann ich die Schönheit der Umgebung, in der ich mich bewege, so wahrnehmen wie ich es jetzt tue. Egal ob ich mit oder ohne Kamera unterwegs bin, ich sehe die Formen, die Details und das Licht. Die Kronen der wegen des Klimas niedrig gewachsenen Birken geben dem Hügel im Tal eine raue, ungleichmäßige Oberfläche…

… und man findet sich im isländischen Hochland wieder. Allein, mit 30kg Gepäck auf dem Rücken und der Kamera um den Hals, während man auf  einem Pass hinuntersteigt. Der Wind peitscht einem die Kapuze ums Gesicht, während sich die Wolken um den schneebedeckten Eyjafjallajökull lichten – bis schließlich die Sonne durchbricht und diesen Hügel auf der Hochebene von Þórsmörk in ein majestätisches Licht taucht.

In Momenten wie diesen geht es nicht um das Foto. Es ist auch egal, ob ich den Sucher einer Spiegelreflexkamera gegen mein links Auge drücke, von oben in den riesigen Lichtschacht einer Mittelformatkamera schaue oder auf das Display eines Smartphones. In diesen Momenten geht es um das Licht des frühen Morgens, den Sand unter meinen Füßen…

… und die Herde Wildponys auf Assateague Island, einer unbewohnten Halbinsel in Maryland. Die Wellen tragen schäumende Kronen an den Strand, die im Sonnenlicht glitzern und sich bis zum Horizont ziehen, während die Tiere ruhig im Sand stehen. Das Bild entsteht so vor dem „inneren Auge“, bevor man die Kamera in die Hand nimmt.

Fotografiere ich Menschen, tue ich das selten in deren Wohnzimmern. Wir gehen zusammen ins Freie, suchen Orte, die uns inspirieren. Auch wenn ich mit ein paar fixen Bildideen in ein Shooting gehe, so sind es oft erst die richtigen Locations, die die Umsetzung ermöglichen. So arbeiten wir zusammen, tragen gemeinsam das Equipment…

… auf Trampelpfaden in Auen oder Moore, Wälder und an Seen – um diese Ort zu finden. Es wird geredet, gescherzt, wir bauen Vertrauen auf und halten gemeinsam die Augen offen. Dieses Vertrauen fließt dann in die Fotos und macht viele erst möglich. Fotos von Personen erfordern das Vertrauen der Personen in den Fotografen. Ich merke dies beim Fotografieren, neben dem Licht, den Farben und Formen auf die ich mich konzentriere – und vielleicht ist es auch für den Betrachter irgendwie in den Fotos zu finden. Neben den Personen, der gemusterten Rinde, der Sonne, die durch die Bäume scheint und diesem Blick.

Es sind die Erfahrungen und der Prozess, die mich beim Fotografieren antreiben. Die Fotografie hat mich eine andere Sicht auf die Welt und ihre Dinge gelehrt. Sie hat mich an Orte geführt, an die ich wohl nie gekommen wäre, hätte ich nicht den Plan gehabt, dort zu fotografieren. Ich habe Menschen kennengelernt, weil sie sich fotografieren lassen wollten, habe eine Band von alten Freunden fotografiert und bin mit ihnen losgezogen…

… mit einem gemeinsamen Ziel. Doch es sind alle Momente davor – alle Emotionen, Gedanken und Situationen, die mich immer und immer wieder mit der Kamera losziehen lassen, mit offenen Augen und auf der Suche nach dem Besonderen, das mir die Welt für meine Fotos bietet.

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