Ein Auschwitz am Balkan

Die Harke beißt sich in das Beet, reißt daran, vertrocknete Blumen und staubige, trockene Erdbrocken rieseln zu Boden. Es ist heiß, die Sonne brennt vom Himmel, rund um erstrecken sich weite, saftig grüne Wiesen. Früher wurde hier allerhand Werkzeug verwendet, allerdings nicht zum Gärtnern, sondern zum geplanten Massenmord. Zum Beispiel Hämmer, mit denen Schädel zertrümmert wurden.

Nach ihnen kamen Äxte und Messer in Gebrauch. Die wurden im Lager selbst geschärft, es gab eine eigene Schleifstelle. Die Messer steckten bald darauf in Handschuhen, damit so Hinrichtungen noch leichter von statten gingen. Die Frau, die als Museumsguide durch das Lagergelände führt, zieht die Mundwinkel nach oben. Es ist ein nervöses Lächeln, dass nach nahezu jedem Satz kommt. „Jasenovac ist ein Ozean des Schmerzes gewesen“, sie lächelt, „In keinem anderen Lager des Zweiten Weltkrieges ging es so grausam zu wie hier.“ Sie lächelt wieder.

Hier, das ist das ehemalige Konzentrationslager beim kleinen Ort Jasenovac in Kroatien. Südöstlich von Zagreb und an der Save gelegen. Es existierte zwischen den Jahren 1941 und 1945 und war das einzige Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg, in dem ohne deutsche Beteiligung planmäßig gemordet wurde. Heute ist der ehemalige Lagerkomplex eine Mahnstätte. Neben einem Museum gibt es dort auch ein riesiges steinernes Ungetüm von Denkmal, die sogenannte Steinerne Blume.

Die Informationen rund um die Ausschreibung und die Entstehung des Monuments sind lange und ausführlich beschrieben, alle Bilder der Erstentwürfe sind zu besichtigen. Sie sind das erste, das Besucher des Lagerkomplexes zu Gesicht bekommen. Wäre da nicht das kleine Museum, man könnte meinen, die historische Stätte sei nebensächlich. „Ist sie aber nicht“, bemüht sich die Museumsführerin, Mundwinkel nach oben, und deutet auf die ehemaligen Holzschwellen der Zugstrecke in das Konzentrationslager. Sie bilden heute den Weg zum Denkmal.

Wieder saust die Harke herab. Die kleine, rundliche Frau, die sich bei den Blumenbeeten abmüht, ist aus dem Ort, wie auch der einzige Security-Mitarbeiter am Gelände. Jasenovac hat sich mit der verbrannten Erde arrangiert, eine Straße schneidet durch das ehemalige Gelände, an einem der Transportzüge von damals vorbei. Väter gehen mit ihren Kindern im Kinderwagen dort spazieren, fahren mit dem Auto zum Fluß angeln, trotz Fahrverbot. Grünraumpfleger beginnen ihre Arbeit, mähen immer wieder im Kreis. Eine Plastikflasche mit Motoröl steht am Straßenrand, daneben ein Benzinkanister, hinter der Lokomotive beginnt eine Motorsense vor sich hin zu orgeln, denn die Schienen, die Schienen müssen vom überkommenden Gras befreit werden.

Das darf hier eben nicht über die Sache wachsen“, die Museumsguide lächelt. Fragen über die Involvierung der katholischen kroatischen Kirche im Massenmord sind ihr aber höchstgradig unangenehm. Lieber spricht sie über jene wenigen Priester, die für ihren Glauben hier hingerichtet worden sind. Mehr jedoch waren auf der Seite der Ustascha, der  vorherrschenden faschistischen Kräfte damals. Sie betrieben das Konzentrationslager. Und die katholische Kirche, sie hatte kräftig ihre Hände im Spiel. Nicht nur einmal waren katholische Pfarrer Lagerkommandanten. Wie Miroslav Filipovic Majstorovic zum Beispiel, der vom einfachen Franziskanermönch zum Ustascha-Hauptmann aufstieg.

In der Dauerausstellung des Museums ist hierüber aber kein Wort zu lesen. Überhaupt werden die (katholischen) Täter seltsam ausgeklammert, wohl aber zeigt ein Bild den kroatischen und den deutschen Führer, lächelnd sich die Hände reichend. Ein Lager, von Kroaten geführt, Schuld sind aber die Deutschen, so scheint es. Die wahren Täter bleiben gesichts- und namenslos, in der seit 1968 bestehenden und seit damals unveränderten Ausstellung.

Ein Überbleibsel aus der Zeit von Tito und dem großen Jugoslawien. Sich der faschistischen Vergangenheit zu stellen hätte die Gräben am Balkan vertieft, eine Entnazifizierung zu viel zerstört. Sämtliche nationale Gruppen zu einigen, Konflikte einigermaßen beizulegen und den sozialistischen Grundgedanken zu propagieren war schwierig genug. Und scheiterte letztlich. Im Jugoslawien-Krieg, das sei erwähnt, kamen erneut Menschen gewaltsam am ehemaligen Lagergelände zu Tode.

Viele Ustascha flohen nach dem Zweiten Weltkrieg, blieben aber auch ungeniert im Lande. Durch die fehlende Entnazifizierung konnten sie ihr Gedankengut florieren lassen. Diese „Früchte“ werden auch heute noch geerntet. Eine Stunde von Jasenovac entfernt und immer an der Save entlang liegt das Grenzstädchen Slavonski Brod. Früher schmiegte es sich friedlich an den Fluß, während des Jugoslawien-Krieges wurde die Stadt stark beschädigt, heute ist die Uferpromenade dreckig-grau betoniert und unansehnlich.

Es braucht nicht lange, bis in Slavonski Brod die ersten Ustascha-Zeichen und Symbole an den Hauswänden zu sehen sind, oft flankiert von Hakenkreuzen. Die örtlichen Rechtsextremen haben sich unter anderem in einem Verbund aus Fußball-Hooligans wiedergefunden, vor ihrem Vereinslokal stehen zwei Halbstarke und plaudern mit einem Mädchen. Hinter ihnen hängt eine kroatische Flagge, das Karomuster beginnt bei ihr ein weißes Viereck. Es ist das Zeichen der Ustascha-Flagge und eigentlich, ja, verboten.

In der organisierten Fußball-Ultrasgruppe „Bad Blue Boys“, die hauptsächlich den Verein GNK Dinamo Zagreb unterstützen, tummeln sich soviele Ustascha-Anhänger, dass die Gruppe bereits von kroatischen Journalisten als die Vertreter der nationalistischen Bewegung schlechthin benannt wurde. Immer wieder gibt es mediale Berichterstattung aufgrund von fremdenfeindlichen oder nationalistischen Schmierereien und Aktionen.

Wie in Jasenovac. Hier gibt es auch viele rechtsextreme Schmierereien, „leider“, wie die Museumsführerin wieder lächelnd hinzufügt. Mit der sonderbaren Ausklammerung der Täter in der Ausstellung und der ebenfalls seltsam anmutenden Konzentration auf das Denkmal scheint man einen Mittelweg, ein Arrangement der Berechtigung im heutigen Kroatien gefunden zu haben, bei dem die faschistische Vergangenheit stillschweigend beiseite geschoben wird – und somit auch die existente faschistische Gegenwart.

Nach wie vor gibt es in kroatischen katholischen Kreisen unverhohlene Ustascha-Verehrung, treffen sich alljährlich Tausende von Sympathisanten im österreichischen Bleiburg zum Gedenken. Dies sind keineswegs nur mehr Hooligans der Bad Blue Boys, das sind unter anderem auch Jungfamilien und Intellektuelle. Denn wenn sogar Kroatiens Staatsspitze, Präsidentin Grabar-Kitarovic, in einem Interview davon spricht, dass kein organisiertes rechtsextremes Spektrum existiert, zeugt dies von einer gewissen Salonfähigkeit.

Am Ende der Tour seufzt die Museumsführerin. „Der Staat hat uns für heuer mehr finanzielle Unterstützung versprochen.“ Es klingt, als würde er das jedes Jahr tun. Kein Lächeln.

 

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