Ein Erz-Mustang

Ein starkes Auto verdient eine starke Umgebung. Mit einem Ford Mustang GT Fastback war es irgendwie naheliegend, den Erzberg zu besuchen, den größte Erztagebau Mitteleuropas. Beide haben vieles gemein: eine rohe Wildheit, die sich nicht zähmen lässt, Höhen und Tiefen sowie eine lange Geschichte.

Als der Sprengstoff gezündet wird, wirft es die Masse an Stein, Erz, Schutt und Staub tosend in die Höhe, dann prasselt alles auf eine der Stufen des Erzbergs. Das Dröhnen der großen Bergbaumaschinen setzt wieder ein, das Donnern verhallt in den umliegenden, angrenzenden, von Wolken verhangenen Alpen. Tropfen fallen nun hernieder, ein leichtes Nieseln gar, das zarte Prasseln auf der Motorhaube ist kaum zu vernehmen.

Der aktuelle Leithengst der Ford Company, im leuchtenden Race-Rot gehalten, steht still und ruhig da, während hinter ihm beim größten Erztagebau Mitteleuropas kein Stein auf dem anderen bleibt. Der stufenförmige Erzberg in der Steiermark, einem Bundesland in Österreich, strahlt Stärke, Wildheit und den Mythos längst vergangener Tage aus. Eine mehr als geeignete Kulisse für das Pony-Car, dessen geschwungenes, langgezogenes Heck es als Fastback, die GT-Insignie darauf als Gran Turismo Version ausweist. Eine lange Haube suggeriert in der Regel eine Menge Motor, so heißt es; Bei diesem Gefährt trifft das wohl zu. Die bullige Schnauze verleiht dem Pferde ein brutales Aussehen, dass einem das Fürchten lernen kann, taucht es denn galoppierend im Rückspiegel auf.

© Lucas Kundigraber
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Derweil begann alles anders. Nahezu zierlich und elegant wurde der Urahn im Jahr 1964 präsentiert, im Vergleich zu heute klein, spritzig und in gewisser Weise süß. Das wildeste an ihm war damals letztendlich der Name. Die kriegerische Verbindung zu einem der schrecklich-erfolgreichsten Jagdflugzeuge des Zweiten Weltkrieges wich bald der malerischen, romantischen Verbundenheit zur Wildheit der amerikanischen Ebenen.

In den nächsten Jahren wurde das Design stetig verändert und mal besser, öfter jedoch schlechter dem Geist und den Erfordernissen der Zeit sowie den inoffiziellen Regeln der starken Fan-Gemeinde angepasst. Nach dem wohl edelsten Höhepunkt im Jahr 1969, als Stil, Sportlichkeit und Eleganz ihren Meister im „Sportsroof“-Modell fanden, und einigen Design-Orgien diverser amerikanischer Tuner wie Shelby oder Saleen ging es bergab. Zunächst kaum bemerkbar, dann jedoch steil und ohne jegliche Bremseinwirkung.

© Lucas Kundigraber
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Den Tiefpunkt erreicht die unrühmliche Geschichte des Hengstes im Jahr 1987, als Ford Frontantriebe von Mazda verbauen wollte. Die patriotischen Wogen gingen hoch. Japanische Teile im typischsten aller US-Muskelfahrzeuge? Ein Ding der Unmöglichkeit. Doch auch ohne Mazda standen anstatt der einst so stolzen Pferde nur mehr unförmige, hässliche Klepper im Sportwagen-Stall, teilweise schlicht und einfach zu europäisiert, teilweise lust- und lieblos präsentiert. Was die Gäule vereinte, war nur die gleiche Bezeichnung, an die ruhmreiche vergangene Furore war nicht zu denken.

Im Jahr 1994 wagte Ford mit einer muskulösen Designstudie, die auf den klingenden Namen „Arnold Schwarzenegger“ hörte, den gestalterischen Neuanfang. Gute Verkaufszahlen und ein spürbarer neuer Wind um die aufgeblähten Nüstern täuschten jedoch auch nicht darüber hinweg, dass die vierte Generation mehr hässlich denn edel die Weiten der Straßen-Prärie bevölkerte. Mehr als zehn Jahre später wurde die fünfte Generation präsentiert und trumpfte prompt durch eine überzeugend ausgespielte Nostalgiekarte.

Der 2005er vereinte endlich wieder ein kraftvolles, an den 67er angelehntes Design mit den Ansprüchen der Moderne. Nüstern auf der Haube, kreisförmige Frontscheinwerfer, dreiteilige vertikale Rückleuchten, eine Attrappe des zwischen 1965 und 1973 verwendeten zentralen Tankverschlusses und eine Shelby-Version, die wieder begeisterte: Mächtige Akzente, die dazu beitrugen, dass der Leithengst endlich wieder ein solcher war. Dank eines wunderschönen Retro-Looks.

© Lucas Kundigraber
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Zurück am Erzberg. Die Tür fällt satt ins Schloss. Knurrend erwacht der V8 per Knopfdruck zum Leben, und während sich hinter ihm riesige Schwerlastkraftwagen mit Tonnen von Erzgestein von Terrasse zu Terrasse mühen, springt der erste Gang laut knackend in das manuelle Sechsgang-Getriebe. Der Vertreter der mittlerweile sechsten Generation profitierte vom Rückenwind, den man bei Ford durch den erfolgreichen 2005er verspürte. Optisch spiegelt das moderne Fließheck den Geist des bereits erwähnten 1969er „Sportsroof“-Modells wieder, die gesamte Karosserie wirkt aber geschwungener, wenn auch nicht minder brutal wie die des 2005er-Vorgängers. Die großen Frontscheinwerfer wichen kleinen runden, die mitsamt der Blinkeranlage zu bösen, verwegenen Schlitzen verschmelzen.

Das Interieur wurde aufgepeppt und den modernen Standards angepasst: Ein Touchscreen in der Mittelkonsole mit dem Kommunikations- und Entertainmentsystem Ford SYNC erinnert zwar vom Interface her an Windows-Versionen längst vergangener Zeiten,  bietet aber einen praktischen Überblick über Temperatur, Audio- und Navigationssystem, zudem funktioniert der Umstieg auf  das moderne CarPlay von Apple und Android Auto von Google ohne Umstände. Klassische Cockpit-Kippschalter und ein kurzer Schalthebel runden ein kompaktes Gesamtbild ab. Praktisch ist die Handbremse in unmittelbarer Griffweite, die zum Driften animiert. Der 5,0-l-V8 Benzinmotor leistet 421 PS, ein Hochleistungs-Direkteinspritzungssystem verspricht eine präzise dosierte Kraftstoffzufuhr.

© Lucas Kundigraber
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Ein völlig neues Fahrgestell mit Einzelradaufhängung lässt den 2017er Fastback zum bislang agilsten Vertreter seiner Zunft werden. Eine elektronische Antriebskalibrierung bietet zudem drei Fahrmodi – Normal, Sport und Rennstrecke, passend dazu lässt sich auch das Lenkrad einstellen. Auf der Straße spürt man den vor Kraft nur so strotzenden Motor in jedem Modus. Fallen Geschwindigkeitsbegrenzungen weg, ist die Überholspur dauerhaft gepachtet, heißt es beim Vorrang geben nicht warten, sondern auf das Gaspedal steigen. Der Fastback wird zum Monster, dass am Zügel zu reißen beginnt und sich wild aufbäumt.

© Lucas Kundigraber
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Die Straße am Erzberg, welche in langen Kurven weg vom Bergbau durch dichte Wälder hinunter ins Tal führt, ist schnell genommen. Angekommen in Eisenerz, einer ehemals blühenden Bergbaustadt am Fuß des Erzbergs, brüllt der V8 durch die engen Gassen, sein Licht trifft auf verlassene Häuser, auf eingefallene Ruinen, ehe er eine Bergstraße hinauf und weg vom Erz erklimmt. Mit der sechsten Generation ging man, was Design und Ansprüche betrifft, wieder viel Risiko ein.

Der Ford Mustang GT Fastback braucht sich jedoch nicht davor zu scheuen, mit seinen legendären Vorgängern über die Ebenen zu stürmen. Es gibt tatsächlich ein Zitat, dass den Mythos und die von vielen heraufgeschworene Magie um dieses Fahrzeug noch am ehesten beschreibt. Abgewandelt auf diese spezielle Region in der steirischen Bergwelt würde ein Mann die Frage, was denn ein Luchs ist, vielleicht so beantworten: Eine seltene Wildkatze. Sobald er aber gefragt wird, was ein Mustang ist, wird er mit Sicherheit antworten: Das ist ein Ford.

© Lucas Kundigraber
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Fotos: Lucas Kundigraber

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