Ein Wille, ein Weg

Gastautorin Lesya Vashchyshyn ist in der Ukraine, in der Nähe von Lemberg, aufgewachsen. Sie lebt, arbeitet und studiert seit acht Jahren in Österreich.  Obwohl sie in Wien wohnt, fühlt sie sich mit ihrer Heimat noch immer eng verbunden und hat mit großer Besorgnis die jüngsten Ereignisse in der Ukraine verfolgt.

„Lesya, es wird einen Krieg geben, so kann es nicht mehr weiter gehen.“ sagte mein Vater oft zu mir, seit Janukowitsch zum Präsidenten gewählt wurde. Die „Orangene Revolution“ 2004 hat dem ukrainischen Volk endlich eine gewisse Freiheit, die Möglichkeit frei zu wählen und die Hoffnung, besser zu leben, gegeben.

Doch seit 2010 versinkt das große Land langsam immer mehr in der Krise. Der Grund dafür liegt im System Janukowitsch.  Alles wurde in „die Familie“ gepumpt, wie in der Ukraine der enge Verwandtschafts- und Günstlingskreis Janukovitschs genannt wird, der seit seiner Machtübernahme alles kontrolliert und sich aus Steuergeldern, EU-Förderungen etc. schamlos bereichert hat.

Das vom gierigen Präsidenten ausgearbeitete kriminelle Schema der Korruption und Geldwäsche hat bisher auch perfekt funktioniert. Alle existierenden Strukturen, das gesamte wirtschaftliche Leben der Ukraine wurden darin involviert und jetzt, nachdem das System „vollendet“ wurde, hätte Janukovwitsch die Früchte seiner Arbeit  in einer seiner bescheidenen „Residenzen“ genießen können: In Mezhygirja, auf der Krim oder in den Karpaten. Und es hätte wohl auch weiter so funktioniert, wäre es nicht zur Gewalt gekommen.

Zu jener Gewalt, die der frischgebackene Diktator gegen friedlich demonstrierende Menschen, die ihren Unmut über die von Janukowitsch plötzlich abgebrochenen Verhandlungen zu einem Assoziierungsabkommen mit der EU zum Ausdruck bringen wollten, eingesetzt hat.

Geduld der ukrainischen Bevölkerung war zu Ende

Die dabei entstandenen Bilder von auf Frauen und fliehende Demonstranten einprügelnden Polizisten verbreiteten sich im Internet wie ein Lauffeuer und gingen um die Welt.

Jene Gewalt hat in der Ukraine zu einer anderen Reaktion geführt als vergleichbare Aktionen der Staatsgewalt in Weißrussland oder Russland. Nach dem brutalen Versuch den Maidan (den zentralen Platz der Proteste, dessen Namen zum Synonym für die Protestbewegung selbst wurde) in Kiew am 21. November 2013 aufzulösen, wurde das Fass der Geduld der ukrainischen Bevölkerung endgültig zum Überlaufen gebracht. Die Proteste wurden immer größer und immer hartnäckiger.

Und dann – dann wissen wir alle was passiert ist. Blut, Tote, die Flucht des Präsidenten und seiner Bande und die Freilassung von Janukowitschs langjähriger Gegnerin Timoschenko.

Jetzt stellt sich jeder die Frage: „Was nun?“ Was erwartet die Ukraine? Bürgerkrieg? Bankrott? Enttäuschung, wie nach der Orangenen Revolution?

Das ukrainische Volk hat nun mehr Erfahrung

Für viele mag es zu optimistisch klingen, aber ich sehe es so: Ich habe in den letzten Monaten die Ukraine so wie noch nie erlebt, obwohl ich ein paar hundert Kilometer weit weg von ihr, in Wien wohne. Nach mehreren „Niederlagen“ ist das ukrainische Volk nicht nur erfahrener geworden, sondern ist auch bereit alles dafür zu tun ihre Heimat korruptionsfrei zu machen.

Die spätere Entwicklung der orangenen Revolution hat sie gelehrt, dass der Austausch von ein paar Politikern, womöglich sogar nur der Austausch einer Oligarchen-Clique durch die nächste, nicht die Lösung sein kann.

Die Ukraine ist erst 23 Jahre alt und sie lernt langsam selbständig zu sein.  Um den Bürgerkonflikt zwischen der Ost- und Westukraine zu minimieren halte ich es zunächst für den besten Weg, wenn die Ukraine weder vom großen Bruder weiter geführt und ausgenutzt wird, noch zu rasch in die EU drängt. Ein ausbalanciertes partnerschaftliches Verhältnis zu Russland und der EU wäre der beste Weg und kann, den guten Willen aller Seiten vorausgesetzt, funktionieren. Ich hoffe diese Möglichkeit wird der Ukraine geboten.

Russland wird sich natürlich dagegen wehren, würde es doch einen Einflussverlust der einstigen Großmacht bedeuten und in Widerspruch zu Putins Fantasien einer östlichen Union unter Führung Russlands stehen. Hier hoffe ich sehr stark auf das Engagement und die  Überzeugungsfähigkeit der EU.

Doch auch in der Ukraine selbst muss natürlich einiges passieren, denn ohne nötige Reformen, eine vertrauenswürdige Regierung und einen zuverlässigen Präsidenten kann es keine funktionierende Partnerschaft geben.

Wer aber soll an der Spitze stehen?

Doch wen will das ukrainische Volk an seiner Spitze sehen? Meiner Meinung nach jemanden, den noch niemand kennt, der noch nicht vorbelastet ist, der jung und energievoll ist. Der auf dem Maidan war,  der die Korruption und Ungerechtigkeit in diesem Land selbst erlebt hat und der ein neues Team um sich bildet, das genau so engagiert ist.

Es ist zurzeit fraglich, ob die vor zwei Tagen freigelassene Julia Timoschenko sich bis zur Präsidentenwahl am 25. Mai so weit erholt,  dass sie das Land, das sich in  einem so schlechten Zustand befindet, regieren kann.

Meiner Meinung nach wäre sie aber auch nicht die ideale Person an der Spitze. Viele Ukrainer denken, sie hatte ihre Chance damals schon gehabt und nicht genutzt. Andere halten sie sogar für korrupt. Zudem kann man sich schwer vorstellen, dass sie in der Lage wäre, jenen Prozess der nationalen Versöhnung in Gang zu setzen, der notwendig wäre um die Ukraine nicht an ihren Ost-West-Gegensätzen zerbrechen zu lassen.

Viel Verantwortung – in Händen der Opposition

Es liegt jetzt viel Verantwortung in den Händen der Opposition. Sie müssen den letzten Tropfen an Vertrauen, den die Menschen noch in die  Politik haben, nutzen, um ernsthafte Schritte zur Bekämpfung der Korruption einzuleiten. Denn gelingt es ihnen nicht, würde das zu einem Zerbrechen der Ukraine führen.

Meine Hoffnung setze ich darin, dass die oppositionellen Kräfte ihre Einheit bewahren, sich auch mit jenen auch im Osten durchaus vorhandenen vernünftigen und reformorientierten Kräften verbünden und einen gemeinsamen Kandidaten ins Rennen schicken.

Denn wo ein Wille, da auch ein Weg.

2 Antworten auf “Ein Wille, ein Weg

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