Eine Ode an die Kunst

Schon als Kind habe ich viel geschrieben: Eines Tages entdeckte ich im Keller meines Vaters eine alte, verstaubte Kofferschreibmaschine. In kürzester Zeit wurde sie mein Ein und Alles und meine Texte gewannen an Aufmerksamkeit, in der Schule, der Familie und bei den ersten Schreibwettbewerben.

Lange gab es für mich nichts anderes als in meiner Freizeit auf den schweren Tasten herumzuhacken. In der Oberstufe entdeckte ich dann eine weitere Kunst für mich: das Theater. Dafür schreibe ich noch heute.

Theater ist eine wahnsinnige Welt. Sowohl auf, neben, als auch vor der Bühne im Publikum liegt bei jeder Aufführung dieses Knistern. Jede Kunst ist die bildliche Fleischwerdung der Elefantenmetapher, welcher immer mehr ist als die Summe seiner Teile. Im Theater sehen wir die Schauspieler, wir hören den Text und wir fühlen mit dem Schmerz der Figuren, aber es liegt immer noch etwas darunter. Dieses Knistern. Es ist die Atmosphäre. Es ist die Energie, die sich auf der Bühne und im Publikum ausbreitet. Gute Schauspieler schaffen es in kürzester Zeit eine Energie zu versprühen, die alle in ihren Bann zieht.

Am Deutschen Theater in Berlin spielen sie mal wieder die Jungfrau von Orleans. Die Johanna steht fast das gesamte Stück an einem Fleck und dennoch zieht sie mich in ihren Bann. Die Kraft ihres Spiels spielt dabei natürlich ebenso eine Rolle, aber es ist die Energie die sie spürt und versprüht.

_DSC0240
© Karl Jurka (karljurka.de)

Unter Schauspielern gibt es den Ausspruch „Die Zweite ist immer die Schlechteste“. In diesem Satz ist von der zweiten Aufführung die Rede, welche meist schlechter läuft als jede andere, da dort immer irgendwie der Wurm drin ist. Jeder, der schon mal auf einer Bühne stand, kennt das Phänomen, dass man machen kann, was man möchte, aber der Funke mag einfach nicht überspringen. Es wird gespielt wie am Abend zuvor. Die Pausen sind gleich, die Intonation exakt und dennoch ziehen die Witze nicht und das Publikum schläft nach einer Viertelstunde verkrampft in den Sitzen ein.

Diese Energie, sei sie positiv oder negativ, ist eines meiner Lebenselixiere. Es macht mich traurig, dass kaum jemand dieses Spektakel noch zu schätzen weiß. Sicher, in vielen Theatern ist lange Zeit viel schief gelaufen, doch wir kämpfen nicht mit Politikverdrossenheit, sondern mit Kulturverdrossenheit. In Deutschland sind im Jahre 2013 ca. 2,5 Millionen Menschen über vierzehn Jahren regelmäßig im Theater, Oper oder im Ballett gewesen. In Deutschland leben etwa 64.000.000 Menschen in dieser Altersgruppe. Das macht dann sage und schreibe vier Prozent. Vier Prozent der Bevölkerung geht regelmäßig ins Theater, die Oper, das Musical oder ins Ballett. Vier Prozent. Das ist nicht nur schade für den Konsumenten, dem so vieles entgeht, es ist ebenso schade für diese aussterbende Kunst.

_DSC9903
© Karl Jurka (karljurka.de)

Es gibt schlichtweg Dinge, die wir nicht mit unserer digitalen Welt erfassen können. Wir können uns große Inszenierungen auf DVD anschauen, uns davon berichten lassen oder den dazugehörigen Film gucken, aber es geht so viel verloren. Ich möchte sogar den Vergleich zwischen Masturbation und Sex heranziehen: Ja, die digitale Welt unterhält mich, aber das direkte Erlebnis, dieses besondere Gefühl im Raum, das bekomme ich nur im Kontakt mit einem, oder mehreren Menschen. Das wirklich Deprimierendste daran ist, dass mir viele Theaterverdrossene nicht einmal sagen können, warum sie nicht ins Theater gehen. Die meisten sprechen von Langeweile oder schlechten, langatmigen Inszenierungen die sie gesehen haben. Welche sie verschreckt haben.

Ja ist es denn zu fassen? Ich habe auch Die Vergessenen im Kino gesehen und gehe trotzdem noch regelmäßig dort hin. Ich habe in jungen Jahren auch mal die BravoHits gekauft und dennoch höre ich noch Musik. Es kann passieren, dass ich mich für zwei Stunden ins Theater setze, und beginne meine Armhaare zu zählen. Manchmal ist es der Text, manchmal die Regie und manches Mal die Schauspieler. Es kann alles mal schief gehen. Vielleicht sitze ich aber in Die Tragödie von Romeo und Julia, das gerade im Hamburger Thalia Theater von Jette Steckel inszeniert wurde und ich denke die nächsten drei Wochen an nichts Anderes mehr. Die Kunst vermag mich im direkten Kontakt viel mehr zu berühren, als die kalte Hülse, die ich mir alleine, zuhause ansehen kann.

Gastautor Julien Nägele ist 27, geboren in Hamburg – lebt seit seinem Schauspielstudium in Berlin – hat dort sein Ensemble „Eine Theatergruppe“ gegründet – inszeniert seine Theaterstücke – schreibt bereits sein Leben lang – ist jung verheiratet – liebt seinen Hund – reist gerne und versucht jede freie Minute mit schreiben oder im Probenraum zu verbringen – hin und wieder dürfen es auch Video- oder Videospielabende sein, so als intellektueller Ausgleich…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.