Eine ordinäre Sabotage der faschistischen Utopie

Vom Wolkendach fällt Federfleisch / Auf meine Kindheit mit Gekreisch. Rammstein. Bühnenshow. Feuer. Lindemanns Stimme kriecht aus den Lautsprechern, kraftvoll, tief, böse. Die Gitarren setzen ein, Kruspe und Landers stehen nebeneinander. Es geht nicht nur um Narben allein, es geht um die Schatten in den Narben, und davon gibt es viele. Eine archaische Bestie. Stampfend, rhytmisch. Der Bass gleicht einem Grollen, Riedel atmet schwer. Die Menge tobt, befindet sich im Wahn. Das Schlagzeug rattert, Schneider ist in seinem Element. Lindemann verharrt auf der Bühne, seine Zunge baumelt aus dem Mund, Speichel tropft ihm vom Kinn. In einem Interview meinte er, er möge es nicht, von allen angestarrt zu werden. In diesem Moment aber wird er angestarrt, angebrüllt, von freudig leuchtenden Augen, von entzückt geöffneten Mündern.

Lindemann's Stimme war an diesem Abend gut beinand'.
Lindemann’s Stimme war an diesem Abend gut beinand‘.

Man muss die Darbietung mitdenken, um „hinter den Sinn“ zu kommen, so ein deutscher Philosoph über Rammstein.

Bück dich, befehl ich dir / Wende dein Antlitz ab von mir. Im Werk von Rammstein gibt es keine Tabuthemen. Lindemann singt über Folter, Sadomasochismus und Missbrauch. Egal ob im brachialen Lied Mein Teil, ob in dem an Fritzl angelehnten Song Wiener Blut, Rammsteins propagierter Wahnsinn blickt tief in die furchtbarsten Geheimnisse unserer Gesellschaft: Inzest, Flagellation, Verstümmelung, Mord, Vergewaltigung. Die Kehrseiten der Menschheit finden nicht nur in Liedern Anklang, sondern werden auch auf der Bühne zur Schau gestellt. Lindemann simuliert brutalen Analverkehr mit Keyboarder Lorenz und die Fans der Band lassen sich begeistert in das Gesicht spritzen, wenn Lindemann nach dem Akt einen Plastikpenis auf die Zuseher richtet.

Inszenierte Alptraumwelten, vor denen wir die Augen verschließen.

Vergiss uns nicht / weißt du noch, im März. Die Gruppe polarisiert, ihre Musik wird geschätzt oder verachtet. Seien es Veteranen in Moskau, die beim Konzert emsig die Lyrik mitlesen, oder begeisterte Mexikaner, die Reichskriegsflaggen in Mexiko City zum Konzert mitbringen, Fans gibt es überall. Doch wo Sinn, da auch Wahn und Hass. Kritiker bemängeln einen Rückgang in der musikalischen Qualität, verurteilen die Pyro-Effekte und schwingen die Faschismus-Keule. Rammstein stehen für Materalismus par excellence, für begeisterte Massen und einen Dirigent. Für Flaggen, Balkenkreuz-Symbolik und Videomaterial von Riefenstahl. Manche der Vorwürfe sind gerechtfertigt, einige entbehren jeder Grundlage. Mit Links 2, 3, 4 bekannte sich Rammstein klar zu einem linken Bewusstsein, jeglicher Kontakt zur rechten Szene wird dementiert. Dennoch ist der Vorwurf, dass Rammstein mit diesem, von den Medien angedichteten Image spielen, durchaus gewichtig.

Wer Rammstein verstehen will, muss den Wahnsinn überwinden.

Schneider mit Perücke und Rock - gewohntes Bild
Schneider mit Perücke und Rock – gewohntes Bild

Ohne dich kann ich nicht sein / Mit dir bin ich auch allein. Der Versuch, bei Rammstein zwischen den Zeilen zu lesen, ist durchaus spannend, muss aber nicht gelingen. Wie ein roter Faden jedoch erscheint der Wahnsinn in jedem Lied. Romantische Balladen werden durch Wendungen und Doppeldeutigkeit der Pervertion unterzogen, Gehässigkeit und Völlerei treiben philosophische Ausflüge bis an die Spitze der Seelenstörung. Wer Rammstein verstehen will, muss den Wahnsinn überwinden, hinter die Kulissen blicken. Lindemann selbst versteht Rammstein als einen Weg der Katharsis, der Selbstreinigung. Der Wahnsinn schneidet sich somit selbst ins Fleisch, verdrängt sich. Ladies and Gentlemen: Rammstein. Thank you.

 

Dieser Artikel erschien in gekürzter und veränderter Form im „joe“-Magazin für StudentInnen der FH Joanneum Graz und Bad Gleichenberg.

0 Antworten auf “Eine ordinäre Sabotage der faschistischen Utopie

  1. Schön, dass es mal wer so sieht. Denn eines ist klar: In einem faschistischen Staat wären Rammstein ‚entartete Kunst‘ und somit verboten. Persönlich fand ich das Spiel mit den faschistoiden Bildern ganz interessant, allerdings wurde es für meinen Geschmack in den letzten Jahren doch etwas übertrieben. Auch wenn ich Rammstein keinesfalls für rechts halte, wundern dürfen sie sich nicht, wenn sich die Rechten von ihnen angezogen fühlen. Die verstehen nämlich nicht, dass sie eigentlich nach allen Regeln der Kunst durch den Kakao gezogen werden und sehen nur die Oberfläche.

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