Erzähl mir (d)eine Geschichte – Eins.

Mit einem besonderen Projekt nahm ich am Lendwirbel teil. Ich hörte mir am Mariahilferplatz Geschichten an, um frei nach Liao Yiwu den Klang des Lebens zu packen und ihn zum Vorschein zu bringen. Von Bananen, schönen Menschen und einem Urgroßvater von der Krim.

Schöne Menschen

WP_20140502_13_19_21_ProDie Frau bleibt stehen, steigt vom Rad ab. Sie liest den Ankündigungstext am Plakat, während sie aus ihrer Jacke schlüpft. Dann nimmt sie ihren Helm ab und setzt sich auf den Gartensessel. Sie überlegt. Spricht kein Wort. Und beginnt dann mit leiser Stimme zu erzählen. „Ich bin einem Mann und einer Frau begegnet, die unglaublich schön waren. Sie haben eine Art Reife ausgestrahlt, nach einem Empfinden gelebt. Das war bereichernd für mich. Ihre Anwesenheit hat mir Kraft gegeben. Mir wurde wirklich warm ums Herz. Das hat mich verändert, dieses Gefühl hat lange Zeit angehalten. Es hat mein Leben verändert. So wie ich heute bin, das bin ich wegen den beiden. Das hat einen Prozess in Gang gesetzt. Wenn ich momentan an sie denke, oder sie treffe, spüre ich Freude. Aber auch Schmerz. Darauf will ich aber nicht eingehen. Bei ihm packt mich ein Wehmutsgefühl.“ Sie lächelt, steht auf und wünscht mir Glück.

 

Bananen

Die Dame schlurft, eine senffarbene Tasche am rechten Arm und eine sich ausbeulende Jutetasche in der linken Hand haltend, daher. Ihre Haare hängen ins Gesicht, sie deutet auf mein Plakat und ruft: „Ihnen hätt‘ ich einiges zu erzählen. Aber ich habe ja keine Zeit.“ Sie schunkelt näher, bleibt neben mir stehen. Hinsetzen will sie sich nicht. Ich frage sie, was sie in der Jutetasche hat. „Ich war gerade am Lendplatz, beim Türken. Vier Bananen um 50 Zent. Unglaublich günstig. Aber ich sag‘ ihnen, ein Jugendlicher hat mich angespuckt. Das lasse ich mir nicht mehr gefallen, wie die mit mir umgehen. Den such‘ ich jetzt. Zwei waren’s. Die suche ich in der Schule. Die Bananen waren wirklich günstig. Den Türken geb‘ ich alles. Und was geben die mir? Sie spucken mich an. Eine Banane hab‘ ich schon gegessen.“ Ich frage sie, wie sie die Bananen schält. „Ja normal halt. Wie tun denn leicht Sie? Aha! Nein, ich tu‘ das normal. Gebe die Bananen auch dem Mann. Der frisst heimlich immer in der Nacht. Bananen haben ja viele Vitamine. Aber das mit den Jungen, die mich angespuckt haben, das ist nicht ok. Deswegen habe ich jetzt immer einen Prügel eingesteckt. Damit mir nix passiert.“ Sie deutet auf den Jutebeutel. Beginnt mit einem Passanten, der hinter mir auf einer Bank sitzt, über teure Wohnungen in Graz zu sprechen. Und macht sich anschließend auf die Suche nach einem Automatenkaffee. „Sie mit Ihre Bananen!“, ruft sie mir lachend zum Abschied zu. Den Prügel lässt sie stecken.

 

Der Urgroßvater von der Krim

WP_20140502_13_45_36_ProAdrian aus Graz studiert mit mir gemeinsam Journalismus und Public Relations. Auch er nimmt Platz – denn er hat eine Geschichte. „Mein  Urgroßvater, der Vater der Oma mütterlichseits, ist von der Krim. Gehörte der deutschen Minderheit an. Ist, wie sie verfolgt wurden, die Deutschen, also als die Bolschewiken an die Macht kamen, also er als Deutscher und Nazi kam nach Österreich.“ Ich frage ihn, ob sein Urgroßvater wirklich Nazi war. „Ja, er wurde sogar erschossen deswegen, als meine Großmutter vier Jahre alt war. Bei einem Straßenkampf 1934, in Rechberg in Kärnten. Gegen die Heimwehr oder so.“ Wo er auf der Krim lebte, die aufgrund der Krise momentan in aller Munde ist, weiß Adrian nicht. „Er war aber wohlhabend. Hat seine Reichtümer in einem Hühnerstall vergraben. Den Plan, wo er das vergraben hat, gibt es heute noch immer.“ Bei Familienfesten spricht man scherzhaft immer davon, die Reichtümer einmal ausgraben zu gehen. „Aber die sind sicher nicht mehr dort.“ Dann steht er auf, macht Platz für den nächsten. Und reist vielleicht zur Krim.

Zum zweiten Teil des Projektes: Teil Zwei

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