Erzähl mir (d)eine Geschichte – Zwei.

Mit einem besonderen Projekt nahm ich am Lendwirbel teil. Ich hörte mir, aufgrund des Regenwetters im Kreuzgang der Minoriten, Geschichten an, um frei nach Liao Yiwu den Klang des Lebens zu packen und ihn zum Vorschein zu bringen. Von Bettlern, Venedig und einer Traurigkeit.

Bettler

WP_20140503_13_11_37_Pro„Was kann ich hier machen? Eine Geschichte erzählen? Irgendeine? Dann erzähle ich ihnen, was mir gerade passierte.“ Die Dame nimmt mir gegenüber Platz. Aufgrund des Regens sitze ich im Kreuzgang der Minoriten. Es ist kalt. „Gerade war ich am Bauernmarkt am Lendplatz, habe ein paar Sachen eingekauft. Viele Bettler sind dort. Auf Krücken betteln sie um Geld. Die meisten Menschen tun so als würden sie sie nicht sehen, nicht wahrnehmen. Ein Bettler kam zu mir, und ich habe auch so getan. Hatte es eilig. Und da erinnere ich mich an einen Satz.“ Sie holt Luft. „Das Gefühl, zu faul, zu bequem zu sein, um die Geldtasche heraus zu nehmen. Ich gebe selbstkritisch zu: Es war bei mir auch so. Anschließend regnete es, und ich ging in die Scherbe, da ich keinen Schirm mit habe, und trank dort einen Kaffee, las die Zeitung. Da kam dieser Bettler herein und setzte sich an den Nebentisch. Und bekam gratis Essen. Das beeindruckte mich so sehr, dass es so etwas gibt. Ich fand das großartig. Und fragte den Kellner, er meinte, das geht vom Chef aus. Ich bewunderte es.“ Sie lächelt mir zu. Nach dem Foto meint sie schlicht: „Danke dafür.“ Und geht weiter.

 Venedig

WP_20140503_14_31_05_Pro„Ich war ein halbes Jahr in Venedig“, meint Ulli aus Frohnleiten, die sich am Sessel räkelt. „Lernte dort mein Grätzel kennen. In meiner Stammkneipe saß oft eine ältere Dame. Alt. Mit fetten Brillengläsern, sicher schon über 80 Jahre alt. Meine Kumpanen meinten irgendwann, ich sollte mich zu ihr setzen, mit ihr plaudern. Mein Italienisch ist nicht so gut, aber eines Abends begann ich mit ihr zu reden. Sie sagte, dass sie so schlecht sieht, und nur am Abend raus gehe, wegen den Touristen. Und ihr größter Traum? Ein Abendspaziergang durch die Straßen Venedigs. Aber sie braucht jemanden dafür. Traut sich nicht alleine. Ich fuhr am nächsten Tag nach Hause, aber ich versprach ihr: Das machen wir. Schon am nächsten Tag rief sie mich an, ich habe ihr nämlich meine Nummer gegeben. Sie hat mich oft angerufen.“ Ulli lacht. „Sie fragte: Wann kommst du? Wann machen wir unseren Abendspaziergang? Ulli, Ulli, dein Name gefällt mir so.“ Ich konnte aber spätestens erst in zwei Monaten zu ihr kommen. In der Zwischenzeit schickte ich einen Kumpanen vor, damit der mit ihr alles abklärt.

Der rief mich aber dann an, Ende August war das. Sie tauchte nicht mehr auf. Ist verstorben.

Ich konnte ihr den Wunsch nicht erfüllen. Weinte viel deswegen. Zeichnete Gassen, Straßen, habe es an ihr Grab gelegt. Künstlerisch gemacht. Und jedes Mal, wenn ich nach Venedig gehe, gehe ich zu ihrem Grab. Beim letzten Gespräch meinte sie zu mir: Wir sind Freundinnen, für immer. Ich lernte diese Frau an nur einem Abend kennen, und dennoch war es so, als würde ich sie schon ewig kennen.“ Ulli nickt.

Eine Traurigkeit

WP_20140503_13_53_45_ProAntonia aus Graz, die mit Freunden neben mir im Kreuzgang der Minoriten das Projekt „wenn der kirschbaum wünsche trägt“ durchführte, setzt sich auf den Sessel. Und wartet ein wenig, weil ich dastehe und Kaffee trinke. „Wann wird man hier bedient?“, fragt sie lächelnd. „Ich habe eine kurze Geschichte. Ich habe gestern bei der Arbeit aus dem Fenster geschaut. Eine alte Frau kam vorbei. Und das war tragisch. Also mir kam es tragisch vor. Sie war ganz alt. Lange Haare. Hohe Schuhe. Sehr enges Gewand und ein kurzer Rock. Wie eine 15-Jährige gekleidet. Gebückt ging sie, fast humpelte sie schon dahin. Das war traurig. Ich weiß nicht warum.“ Ihr Telefon klingelt, sie entschuldigt sich und hebt ab. Spricht einige Zeit, lädt jemanden ein, doch her zu kommen. Dann sieht sie mich wieder an, legt auf. „Die Vorstellung im Leben, wie man sein will. Aber es funktioniert nicht. Im Grunde geht es uns allen so.“

Zum ersten Teil des Projektes: Teil Eins

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