Es gilt die Erinnerung

Im April 1945 ereignete sich in Gratkorn eine Gräueltat. Zwanzig ungarische Jüdinnen und Juden wurden von SS-Soldaten ermordet. Am 08. November 2014 fand in Gratkorn deswegen eine Gedenkveranstaltung statt. Dort hielt ich eine einleitende Rede, die es hier zum Nachlesen gibt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es gilt heute, an zwanzig ermordete Menschen zu erinnern. Im Mittelpunkt der folgenden einleitenden Worte steht daher kurz ein Ereignis aus dem Jahr 1945, das sich in Gratkorn, genauer gesagt im Ortsteil „Dult“ zugetragen hat.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurden überall in Gratkorn Schanzarbeiten durchgeführt. Man hat Panzer- und Laufgräben gegraben, um sich auf den Angriff der Roten Armee vorzubereiten. Dem Aufruf des „Volkssturms“ folgten um die zweihundert Gratkorner. Sie wurden zu Stellungsbauarbeiten beim sogenannten Südost-Wall abkommandiert. Diese Verteidigungsstellen an der Südostgrenze des damaligen Deutschen Reiches sollten die sich nähernde Rote Armee aufhalten.

An den Arbeiten waren auch ungarische Jüdinnen und Juden beteiligt, die Zwangsarbeit leisten mussten. Aufgrund des schnellen Vormarsches der Roten Armee gab man den Südost-Wall aber auf. Tausende von ungarischen Jüdinnen und Juden wurden nun auf Todesmärsche entsendet. Märsche, die unter anderem zum österreichischen Konzentrationslager Mauthausen führten. Bewacht von Hitlerjugend, Gendarmerie und alten Volkssturm-Angehörigen sowie Einheiten der Schutzstaffel.

Am 4. April 1945 setzen sich drei Kolonnen mit ungefähr 8000 ungarischen Jüdinnen und Juden von Graz aus in Richtung Bruck an der Mur in Bewegung. Zumindest eine Kolonne musste auch durch Gratkorn marschieren. In der Chronik der Gendarmerie Gratkorn ist dazu zu lesen, ich zitiere: „War ein Jude (…) vor Erschöpfung zusammengebrochen, so gab es für ihn nur einen Genickschuss„. Zitat Ende.

Bei Gratkorn gelingt es zwanzig ungarischen Häftlingen, zu fliehen. Sechs der Häftlinge schleppen sich in die Dult. In der Klosterchronik gibt es, laut Auskunft einer Ordensschwester, lediglich zu lesen, dass, ich zitiere, „nur Soldaten da gewesen sind„. Zitat Ende. Diese Soldaten waren zum Unglück der Entflohenen aber im Morden erfahrene Mitglieder der Waffen-SS-Division „Wiking“. Sie hielt sich nach Kämpfen an der Ostfront in Gratkorn auf.

Die Einheit, die unter anderem aus fanatischen Nationalsozialisten aus den Niederlanden und Belgien bestand, machte sich im Kriegsverlauf mehrerer schwerer Kriegsverbrechen schuldig. So auch in Gratkorn: Die insgesamt zwanzig Geflohenen, darunter auch jene in der Dult, werden aufgegriffen, misshandelt, erschossen und verscharrt. Die Kolonne setzt ihren Weg fort. Es wird noch zu weiteren Massakern kommen, das Berüchtigtste davon ist das am 7. April 1945, als am Präbichl mehr als 200 Jüdinnen und Juden erschossen werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zerfall des sogenannten Tausendjährigen Reiches wird von der Polizei in Gratkorn ein Grab mit 14 Häftlingen ausgehoben. Die Leichname werden in einem Massengrab am jüdischen Friedhof in Graz beigesetzt. Das andere Grab mit den sechs in der Dult erschossenen Geflohenen bleibt, wie es den Anschein hat, wo und wie es ist. Unberührt.

In Gratkorn wissen viele, dass sich in der Dult irgendwo ein „Judengrab“ befinden soll. Selbst ich begegnete während meines Lebens in Gratkorn mehrmals diesem „Mythos“. Wo genau sich dieses Grab befinden soll, das weiß niemand. Und auch Denkmal gibt es noch keines.

„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen“ – dieses Zitat des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Herzog möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben. Mit dieser Gedenkveranstaltung am Vorabend der sich nun zum 76. Male jährenden „Reichskristallnacht“, welche den Start der systematischen Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialistischen Reich markiert, setzt die Marktgemeinde Gratkorn ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen und für ein immerwährendes Erinnern. Es wäre zu begrüßen, dass es nicht nur bei der heutigen Veranstaltung bleibt.

Heute Abend wird ein wichtiger Schritt hin zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit einem schrecklichen Kapitel unserer Geschichte gemacht. In diesem Sinn bedanke ich mich für die Unterstützung der heutigen Veranstaltung durch die Marktgemeinde Gratkorn, stellvertretend bei Bürgermeister Ernest Kupfer. Diese Veranstaltung wäre aber ohne tatkräftige und ehrenamtliche Hilfe vieler Anderer nicht möglich geworden. Ich möchte mich deswegen stellvertretend bei Martin Holzer, Karl Kubinzky, Rainer Possert und Karlheinz Pöschl bedanken. Ganz besonders danke ich aber Ihrem Kommen, werte Damen und Herren. Es ist auch ein Zeichen gegen das Vergessen und für das Erinnern.

Es ist mir ein Bedürfnis, dieser Rede noch etwas hinzuzufügen: Meinen tiefsten Dank an all jene, die mir bisher -in vielfältiger Art und Weise- helfend unter die Arme gegriffen haben, mir Ratschläge sowie aufmunternde Worte zukommen haben lassen und über die Veranstaltung berichteten:

Andrea Stangl, Harald Walser (Die Grünen), Andreas Meinhart (Radio Soundportal), Robert Preis (Kleine Zeitung),  Katharina Grasser (Woche GU-Nord), Christine Schindler (Dokumentationsarchiv Österreichischer Widerstand), Margarethe Marcovec (Verein <rotor>), Johann Pranzl, Adolf Sawoff, Lucas Kundigraber, Michael Kainz, Lydia-Marie Tonsern, Martha Tonsern und Clemens Tonsern.

Herzlichen Dank!

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