Fiktive vierte Macht

Im Rahmen des Unterrichts an der glorreichen FH Joanneum Graz kam Michael Fleischhacker, bekannt als ehemaliger Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“ und nun Projektleiter für eine österreichische Version der NZZ (gemeinsam mit  Rudi Fußi) zu Besuch. Zitate aus einem Vortrag über das neue Buch von Fleischhacker, seine Überzeugung, dass Zeitungen tot sind und seine Pläne mit der NZZ in Österreich.

„Die Zeitung wird nicht sterben. Die Zeitung ist eigentlich schon tot. Oder eigentlich untot.“ Denn es gibt sie ja dennoch, die Zeitungen, wenn auch ohne Geschäftsmodelle und mit einer steigenden Todesrate. So zumindest lautete der Einstiegstenor von Michael Fleischhacker. Der 44-jährige gab ausgiebig Einblick in seine Gedankenwelt, und scheute sich auch nicht davor, berühmte Medientheoretiker wie Habermas oder MC Luhan zu zitieren, was so mancheR JPR-StudentIn wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Besonders interessant fand ich seine Ausführungen zur berühmten Thematik der Rolle des Journalismus als vierte Macht im Staat (vollständigkeitshalber: neben Exekutive, Legislative und Judikative). Denn gerade diese zugedachte Rolle ist, laut Fleischhacker, im deutschsprachigen Raum vollkommen fiktiv. „Die Rolle der vierten Macht hatten österreichische Medien nie inne“. Punkt.

Das Prinzip Zeitung ist erledigt, das Prinzip Journalismus nicht. Worin besteht nun also die Aufgabe des Journalismus? Fleischhacker beantwortet das folgendermaßen: „Es ist ein unausrottbares Bedürfnis des Individuums, sich in einer Beziehung zur Welt zu setzen.“ Und dies zu ermöglichen, dass sei die Aufgabe des Journalismus.

Laut einem Interview im Falter bedeutet Qualität für Fleischhacker Spezialisierung. Auf meine Frage, inwiefern sich die österreichische Form der NZZ in Österreich spezialisieren wird, antwortete er folgendermaßen: „Es haben nur jene Medien eine Chance, die ein schnelleres Angebot liefern.“ Im journalistischen Wettbewerb zählt, wer über mehr Expertise verfügt. Fleischhacker möchte weiters in der Personalrekrutierung Maßstäbe setzen – „nicht schauen, wo es Wirtschaftsredakteure gibt, die wir nett finden.“ Sondern darauf zu achten, die besten SpezialistInnen zu finden, die auch journalistisch begabt sind. „Nach diesem Muster rekrutieren wir – ohne Zeitvorgabe, nur mit Qualitätsvorgabe.“

Am Ende wird klar: Auch in dieses Muster passen wir FH-JPR-StudentInnen nicht. „FH-Absolventen stellen wir nicht ein“, meint Fleischhacker generell. Die Meinung, dass wir FH-StudentInnen nicht auf etwas spezialisiert, sondern nur darauf getrimmt werden, in möglichst vielen Bereichen mehr oder weniger gut zu sein, scheint eine weit verbreitete zu sein.

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