Flüchtling in Ewigkeit

Im Gegensatz zu Österreich, in dem man als Staatsbürger eine friedliebende „Demokratie“ genießen darf, herrscht in Nordkorea eine verfremdete marxistische Diktatur. Kim Jong Ryul flüchtete aus dem kleinen großen Land – nach Österreich. Dieser Text erschien auch in der 11. Ausgabe des JOE-Magazins, 2014.

Im Oktober 1994 wurde Kim Jong Ryul in Bratislava ermordet. Trotz Warnungen hatte der Nordkoreaner 20.000 US-Dollar bei sich und wurde anscheinend Opfer eines Raubmordes. Seine Leiche wurde niemals gefunden, und obwohl das Regime in Pjöngjang sofort eine Gruppe von entsandte, um Ryul zu finden,blieb er verschwunden.

Kim Jong Ryul, geboren 1935 im ehemaligen Japanischen Kaiserreich, war hochdekorierter Oberst der Armee der Volksrepublik Nordkorea. Vize-Direktor der Abteilung 4 Fuhrpark, Personenschutz in Sektion 1 des Hauptquartiers. Privilegierte Leiter einer Einkaufsdelegation für die verstorbenen Führer Kim Il Sung und dessen Nachfolger Kim Jong Il. So erledigte er im Ausland unzählige Aufträge zur Beschaffung von (Luxus-)Gütern für die oberste Klasse der Diktatur. Vergoldete Handfeuerwaffen, verbotene Hightech-Produkte zur Unterstützung des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms, Luxusautos für den Fuhrpark des Präsidenten in „Ewigzeit“, Feuerwehrautos, sinnlose Konsumgüter – über 20 Jahre lang war Ryul dafür zuständig, zu beschaffen, was ihm aufgetragen wurde.

„Hunger-Kommunismus, genau das ist es,“ was in Nordkorea passiert. 

Bis zum Jahr 1994. Nach einem erneuten Ausflug ins Ausland, nach dem Abwickeln weiterer dubioser Geschäfte für den Geliebten Führer, setzt Ryul einen penibel durchdachten Plan in die Realität um, täuscht seinen Tod vor und flüchtet in die Anonymität nach Österreich. Bis 2010 lebte er in Oberösterreich, verborgen im Geheimen. Dann wendet er sich an zwei österreichische Journalisten und erzählt seine unglaubliche Geschichte, die einen unmittelbaren Eindruck über das Leben in Nordkorea bietet und den Größenwahn der Diktatoren schildert. Nach zahlreichen Interviews und der Veröffentlichung eines Buches über sein Leben verschwindet er wieder. Wo er heute in Österreich lebt, ist nicht bekannt.

Die Aufträge, die Kim Jong Ryul im Laufe seines nordkoreanischen Lebens immer (!) positiv erledigte, wurden auffällig oft in Wien und nebst Partnern aus Deutschland und der Schweiz auch mit österreichischen Geschäftspartnern abgewickelt. Besonders die 30 Prozent, die der Nordkoreaner immer auf die ausgehandelten Preise als Zuschlag für absolutes Stillschweigen offerierte, trafen bei den Geschäftsleuten auf Anklang. Heute hüllen sich an Geschäften mit Nordkorea beteiligte österreichische Firmen in Schweigen, unter anderem auch deswegen, da viele Geschäfte in einem legalen und moralischen Graubereich abgeschlossen wurden.

Nordkorea ist eine grausame, verlogene und heuchlerische Diktatur.

Ryul ging es in Nordkorea im Gegensatz zu anderen zwar nicht schlecht. Doch die Art und Weise, wie das Regime mit politisch Andersdenkenden umgeht und Regimegegner, wie zuletzt einen Onkel von Kim Yong-Un, öffentlich exekutieren lässt, bewogen Ryul dazu, zu fliehen. Das Schicksal seiner Familie ist ungewiss. Da in Nordkorea die Sippenhaft gilt, kann es sein, dass seine Verwandten – Ryul hat Frau, Tochter und Sohn –  entweder in Arbeits- oder Konzentrationslager, deren Existenz von amerikanischen Aufklärungsflugzeugen bestätigt wurden, deportiert wurden. Vor dem Sterben, so meinte er in einem Interview, möchte er Nordkorea schon nocheinmal sehen: Zumindest zu wissen, wie es seiner Familie geht und ob sie noch lebt, wäre für ihn wichtig. Nachdem der geliebte Führer Kim Yong Il jedoch die Macht an seinen Sohn Kim Yong Un weitergegeben hat, scheinen diese Wünsche in die unerreichbare Ferne gerückt zu sein.

Mehr über das Leben von Kim Yong Ryul ist im Buch „Im Dienst des Diktators – Leben und Flucht eines nordkoreanischen Agenten“ zu lesen, auf Amazon um 19,95 Euro erhältlich.

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