Für eure Wohnung habt ihr immer Recht

Für zwei jüdische Familien designte Adolf Loos, österreichischer Architekt und Wegbereiter der modernen Architektur, in Plzeň Wohnungen: Die Innenräume in der Str. Klatovská 12 wurden einerseits für eine Familie Vogel und später für eine gewisse Familie Beck geschaffen. Ein Besuch.

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Zweimal im Jahr darf man die Loos-Innenräume besichtigen. Trotz limitierten Zugangs hatte ich dank Barbora Živná die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Inmitten von tschechischen Besuchern und Besucherinnen schlängele ich mich so durch verwinkelte enge Gänge, an dessen Wänden Bilder und Pläne von Plzeň hängen. Ich befinde mich im Haus der „Správa veřejného statku“ (Verwaltung des öffentlichen Besitzes). Und stehe schließlich vor großen Holztüren, hinter denen die Loos-Räume meiner harren. Eine Putzfrau mit einem großen blauen Müllsack zieht vorbei, wirft einen kurzen Blick auf die Besuchermenge und verschwindet durch eine Nebentür.

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Adolf Loos, geboren Dezember 1870 in Brno. 1889 schloss er die k.k. deutsche Staatsgewerbeschule ab, studierte an der Technischen Hochschule in Dresden. Nach Aufenthalten in den USA und England lässt er sich in Wien nieder und beginnt als Journalist und Architekt. Als scharfer Kritiker der angewandten Kunst plädierte für die Verwendung edler Materialien. Auch die Behaglichkeit seiner Einrichtungen war Loos ein Anliegen. Als sich schließlich die Türen öffnen wird mir bewusst, was mit letzterem gemeint ist.

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Die Vase am Tisch. Verblühte Blumen

Ich trete ein. Es riecht nach altem Schweiß und Holz, eine eigentümliche Mischung. Ich stehe auf einem grünen Teppichboden, auf denen schwere rote Teppiche liegen. Das Grün am Boden verbindet sich mit einem grünen horizontalen Streifen an allen vier Wänden des Raumes. Die großen Fenster lassen viel Licht herein, die Möbel (Nachbau) wirken gemütlich und einladend. Das Holz spiegelt, leere in die Holzvertäfelung eingelassene Rahmen lechzen nach Bildern.

Loos für Beck und Vogel

Edles erblickt mein Auge überall in diesem Raum. Loos war es ein Anliegen, Gegenstände und Möbel, die dem Auftraggeber etwas bedeuten, in die Gestaltung miteinfließen zu lassen. Sei dies die Vase am Tisch, die Kaminuhr am Sims. Die Wände im angrenzenden Esszimmer bestehen aus senffarbenenen Marmor, es ist auch hier sehr hell, fast schon zu hell. So vorsichtig, wie man einen lebenden Fisch festhält, der einem jeden Augenblick entschlüpfen und ins Wasser zurückgleiten könnte, lasse ich mich auf einen Korbstuhl im Esszimmer nieder. Meine Vorsicht war unbegründet, die fragil wirkenden und unbequem erscheinenden Sessel halten gut. Dennoch wirkt das Esszimmer auf unbestimmte Weise unpersönlich und kühl, aber nicht unfreundlich.

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Das Wohnzimmer

Loos bearbeitete die Wohnung zuerst 1908-1910 für die Familie Vogel, ehe die aufgrund der drohenden nationalsozialistischen Gefahr emigrierte. Zwischen 1928-1929 führte er für die Familie Becks erneut einen Umbau durch. Laut dem tschechischen Mitarbeiter, der durch die Loos-Räume führt, wurden die Becks in ein Konzentrationslager deportiert.

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Das Esszimmer

Zum Glück für Plzeň wurde sowohl während der nationalsozialistischen als auch der „kommunistischen“ Herrschaft nichts zerstört. Lange Zeit als Büro genutzt, wird bis 2015 das Interieur nochmals grundlegend renoviert. Auch regelmäßige Führungen werden dann am Programm stehen – selbst für Vorlesungen und Konzerte sollen die Loos-Räume dann als Bühnen dienen.

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