Gaspistolen und Pelz

Gaspistolen und Pelz, SS-Runen und hartnäckige Händler. Ein Lokalaugenschein am Flohmarkt.

6:30 Uhr. Meine beste Freundin und ich bauen unseren Stand auf. Wir sind heute wieder bei einem Flohmarkt im Norden von Graz dabei. In unserem Sortiment befindet sich Christbaumschmuck, ein Haufen Bücher, zahlreiche alte Rezepthefte, Geschirr, Gläser und echter Pelz. Letzteren versuchen wir schon seit sehr langer Zeit zu verkaufen, aber Pelz ist out. Selbst bei alten Damen, die sich gerne an die „gute alte Zeit“ erinnern.

7:00 Uhr. Wir trinken den ersten Tee, es ist kalt, obwohl wir in einer Tiefgarage stehen. Um diese Zeit, wenn links und rechts von uns noch Menschen ihren Stand aufbauen, gehen Händler und Händlerinnen herum und versuchen, kostbare Sachen um einen Spottpreis zu bekommen. Auch bei unserem Stand bleiben mehrere Herren stehen, forsch und barsch fragen sie um die Preise von Glaskaraffen, Kristallglas-Aschenbechern und alten Bilderrahmen. Wir bleiben standhaft und verlangen mutig zwar hohe, aber dennoch angemessene Beträge. Verärgert ziehen die meisten von dannen, schätzten sie uns doch als „Greenhorns“ der Szene ein. Sind wir auch, oft haben wir es wirklich noch nicht gemacht, aber dennoch wissen wir, wie der Hase läuft. Glauben wir zumindest.

8:00 Uhr. Wir essen die ersten mitgebrachten Brote. Viele Besucher sind nun unterwegs, Sonntagsspaziergänger, Kirchenbesucher, Flohmarktspezialisten. Unsere Ware wird kritisch beäugt, begutachtet, aber auch gekauft. Ein Pärchen freut sich über den Christbaumschmuck, eifrig wühlt der Mann in unseren Sachen und gibt seinem Partner die schönsten Stücke. Auch unsere alten Rezepthefte sind bald weg. Nur der Pelz, der bleibt im Koffer.

Traditionen sucht man am Flohmarkt vergebens. Kaum noch jemand feilscht.

10:00 Uhr. Nun wechseln wir uns ab, ich spaziere durch die Reihen, während B. am Stand stehen bleibt. Das angebotene Sortiment ist flohmarkttypisch, wenn sich auch einige (verbotene) Dinge darunter befinden. Vom Luftdruckgewehr bishin zur Gaspistole, vom Eisernen Kreuz bishin zur SS-Rune, wenn man genau hinblickt findet man so einiges. „40 Euro“, verlangt der ältere Herr für die Gaspistole, „mit Munition an Fuffz‘ger.“ Nachdem ich seinen Stand verlasse und zu einem nächsten schlendere, geht er mit dem Preis noch auf 30 Euro herunter. „Special-Preis!“ bellt er mir nach.

10:30 Uhr. Um den Pelz vielleicht doch noch zu verkaufen, versuche ich, Kunden und Kundinnen zu animieren. Deswegen stelle ich mich selbst vor den Stand und feilsche mit B. um den Pelz. Leider geht unser Konzept nicht auf. Die Menschen, die rund um uns stehen und aufmerksam zuhören, freuen sich eher darüber, dass eine vom Aussterben bedrohte Tradition des Flohmarktes (das Feilschen) noch begangen wird, als dass sie mitbieten und dann vielleicht sogar die Hauben und Handwärmer kaufen.

12:00 Uhr. Die Brote sind weggegessen, nun beißen wir in Äpfel. Der Kristallglas-Aschenbecher wird von einer älteren Dame genauestens begutachtet, letztendlich entscheidet sie sich doch für ein kleines Glas. Für mich ist das meiste, was wir am Tisch haben, reinster Kitsch. B. nickt zustimmend. Aber solange es Menschen gibt, die das kaufen, und vielleicht sogar eine Freude dabei haben, ist es natürlich in Ordnung. Nur der Pelz, den werden wir auch heute wieder einpacken. Am besten nie wieder auspacken, meint B.

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