Gedanken zu felix Austria

„Denen wird alles in den Asch gesteckt und dieses undankbare Gfrast führt sich so auf!?!?!“

Vor zweieinhalb Monaten kehrte ich nach einem mehrjährigen Aufenthalt im Westjordanland nach Hause zurück. Zu sehr habe ich die israelische Besatzung mit all ihren Implikationen und Auswirkungen auf die palästinensische Zivilbevölkerung nicht mehr ertragen können, zu sehr habe ich versucht, ein normales Leben in völliger Abnormalität zu führen – zu sehr habe ich mich nach Österreich zurück gesehnt, um näher bei FreundInnen und Familie und in friedlichen, stabilen Verhältnissen sein zu können. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Heimweh. Ich bin einer Welt entflohen, die gekennzeichnet war von Unterdrückung, Armut, Hoffnungslosigkeit und Rassismus.

„Ich hätte mich da noch mit einem Wasserschlauch hingestellt um die Sauerei weg zu spritzen. Die wissen gar nicht wie gut es denen geht da es Österreicher gibt die weniger als die haben.“

Ich bin in ein Österreich zurückgekehrt, das mich nicht erst seit den Wahlen in der Steiermark und im Burgenland zutiefst erschüttert. In den letzten Wochen hatte ich mehrmals Begegnungen mit Menschen, die mir (meist ungefragt) Vorträge darüber hielten, dass unser Boot voll ist, dass unsere christlichen Werte vom Islam überrannt und somit ausgelöscht werden, dass wir ja nicht „alle“ aufnehmen können, dass uns die Arbeitsplätze weggenommen werden. Die letzte Aussage kam übrigens von zwei in Österreich lebenden und arbeitenden deutschen Staatsbürgern. Die Liste an Unmenschlichkeiten, die einem vorgelegt wird, ist erschütternd lange – und sie ist leider auch nichts anderes als stupide Phrasendrescherei. Begegnet man dieser mit ruhiger Vernunft, so wird man als „süß“ oder „naiver Gutmensch“ tituliert.

„was ich machen würde wenn ich was zu sagen hätte, a) hungern lassen bis sie schweinefleisch freiwillig essen, b) kleidung kann man auch beim 1.- Euro laden haben und c) abbruchhäuse wecken sicher heimatgefühle“

Ich frage mich: Was ist während der Zeit meiner Abwesenheit passiert? Wo ist die Empathie mit Menschen und ihrem Leid geblieben, wo unsere Mitmenschlichkeit? Geht es uns denn nun zu gut, als dass wir vergessen haben, dass auch wir einmal auf die Hilfe anderer angewiesen waren? Dass es immer Rassismus gab in unserem Land – ja, natürlich, aber wann ist es dermaßen salonfähig geworden, offen Rassismus der widerlichsten Art und Weise zu propagieren? Und nein, wir wissen nicht erst seit gestern, dass dies nicht vereinzelte Meinungen sind, ein paar „Verirrte“, nein – es scheint, als dass dies ein mehrheitsfähiger Konsens ist – auf den ich mich, bislang wohl ziemlich naiv, einstellen muss. Dennoch frage ich mich – was ist eigentlich geschehen? Was ist eigentlich passiert, dass es so weit kommen konnte, 70 Jahre nach Kriegsende?

„Solche Krippln leben von unserer Tasche und wollen sich noch beschwerden ich glaub es hackt !!“

Ich habe insgesamt fünfeinhalb Jahre – natürlich auf sehr privilegierte Art und Weise – in einer Region dieser Welt gelebt, in der die alltägliche Lebensrealität Menschen so sehr verzweifeln lässt, dass sie bereit dazu sind, es auf sich zu nehmen, ihre Heimat zu verlassen und zu flüchten. Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt. Wir haben Frieden, Wohlstand und ein Leben, das oftmals gekennzeichnet ist von Luxusproblemen. Wir bemerken dies nur nicht – weil wir es auch nicht anders kennen, es selbstverständlich für uns ist. Und doch benimmt sich ein Großteil der Bevölkerung so, als würden jeden Tag zwei Flüchtlinge an ihrem Frühstückstisch sitzen und ihnen die Butter vom Brot lecken. Nein, schlimmer noch – als würden ihnen die Flüchtlinge gleich das ganze Brot wegessen.

„schickts diese Undankbaren AntiÖsterreicher nach Hause samt ihren Gutmenschen..“

Vielleicht aber bin ich es, der es in den letzten Jahren zu gut gegangen ist – außerhalb von Österreich. Man begegnete mir, der Ausländerin und oftmals Andersgläubigen, niemals mit Ressentiments, sondern immer mit Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Auch ich habe streng genommen einem palästinensischen Bürger die Arbeit und somit den Verdienst weggenommen. Ich kann auch nach mehreren Jahren die Sprache des Landes nicht zufriedenstellend. Ich habe mit Sicherheit aufgrund unterschiedlicher Sozialisation und kultureller Prägung Menschen mehr als einmal vor den Kopf gestoßen bzw. Normen des dortigen Wertesystems verletzt. Aber man hat auch noch in den ärmsten Familien das ohnehin spärlich vorhandene Brot mit mir geteilt, mir in ausweglosen Situation geholfen, mir einen Schlafplatz zur Verfügung gestellt. Und das, obwohl ich nichts anderes war als eine Fremde.

„Wenns dennen ned passt soins wida ham des is a frechheit a österreicher der nix had wa dankbar für de hilfe“

Österreich, ich habe selten so etwas wie Stolz für dich empfunden. Umso mehr schmerzt mich nun die Scham, die ich für dich empfinde.

Die Autorin

Martha Tonsern arbeitete im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit im Advocacy Bereich für eine palästinensische Bewegung im Westjordanland. Sie ist heute an der Vertretung des Staates Palästina und ständige Vertretung bei den Internationalen Organisationen in Wien tätig.

Anmerkung: Alle Zitate wurden im Original von H.C. Straches FB-Seite übernommen. Sie stellen User-Kommentare unter einem Posting vom 1. Juni 2015 dar, bei dem ein Artikel der Kronen-Zeitung mit dem Titel „Wirbel im Asyl-Zeltlager wegen Essen, Kleidung, Unterbringung“ (ebenfalls vom 1. Juni 2015) gepostet wurde.

4 Antworten auf “Gedanken zu felix Austria

  1. Ganz einfach: Weil man sie in ihrer Ungeheuerlichkeit gar nicht oft genug lesen kann.

    Abgesehen davon ist das eine noch ziemlich harmlose Auswahl von insgesamt 976 (!) Kommentaren zu Straches Posting von der Kronen Zeitung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.