Himmlische Utopien

Als ich mit meiner ersten Utopie brach stand ich im Alter von zehn Jahren am Fußballplatz. Ich hatte mit meiner Mannschaft verloren, und das, obwohl ich vorher mit Ernst und Würde gen Himmel betete, dass Gott und meine verstorbenen Großväter schützend die Hand über mich als auch über das Tor halten sollten, sodass ich sämtliche Bälle halten und meine Mannschaft durch diesen sicheren Rückhalt als Sieger vom Platz gehen würde.

Denke ich heute daran zurück, muss ich schmunzeln. Wie Banalitäten einen Glauben bis in seine Grundfeste erschüttern und so nachhaltig schädigen können. Interessant aber, an welche Utopien man als kleines Kind, als werdender Teenager, glaubt. Man erfährt den Himmel als etwas nicht greifbares, aber als wunderschön. Als einen Ort des Friedens, des Glücks. Der Nähe zu Gott. Man malt Bilder, versucht, seinen Vorstellungen und Fantasien etwas physisches zu geben, versucht, den Himmel dadurch zu manifestieren, fest zu halten.

Hilfe erfährt man keine. Fragt man andere Menschen nach dem Himmel, so antwortet jeder und jede stets etwas anderes. Fakt ist jedoch, dass man dort wieder auf Menschen trifft, die man jetzt nicht mehr bei sich hat. Opa ist jetzt im Himmel. Die Oma meiner Nachbarin ebenfalls. Selbst unser alter Hund ist jetzt im Himmel. Sogar, so erklärte mir einmal meine Großmutter, sämtliche Fliegen, die ich bei ihr am Bauernhof mit der Klatsche totschlug, würden im Himmel weiter summen und fliegen. Der Himmel muss also sehr groß sein. Ein riesiger, unendlicher Ort, an dem viele Menschen und Tiere Platz haben.

Ich war, natürlich ohne es zu wissen, bei meiner ersten Utopie angelangt.

Bereits vor dem Erlebnis der großen Niederlage hatte ich Probleme mit einem Ort, an den ich glauben soll, den ich aber noch nie gesehen habe. Einem Ort, der soviele Menschen bevölkern soll, und dann auch noch Tiere, und dann auch noch so unnütze Tiere wie Fliegen. Ich war, natürlich ohne es zu wissen, bei meiner ersten Utopie angelangt. Ein Nicht-Ort, ein Wunschtraum, der keinen festen Platz besitzt, für den es keinerlei Beweise gibt, dass er existiert.

Später, als ich anfing, im Kindergarten als Pädagoge zu arbeiten, begegnete ich wieder jenen Utopien, die ich selbst erlebte, von denen ich selbst hörte, an die ich selbst früher glaubte. Meine Professorinnen warnten mich immer vor Todesfällen in der Familie von Kindern, die man betreut, mahnten, dass man den Gefühlen der Kinder Platz geben muss, dass man das nicht ignorieren dürfte und für das Kind eine noch höhere Sensibilität und Empathie aufbringen müsste als normalerweise das schon der Fall wäre.

Er sei schon traurig dass sie nicht mehr da ist. „Aber es geht ihr jetzt doch besser.“

In meiner Zeit als Pädagoge erlebte ich es nur zwei mal, dass Kinder von einem Todesfall in der Familie betroffen waren. Beim ersten Mal brachte die Mutter ihr Kind am Morgen in den Gruppenraum, ihre Augen gerötet, geschwollen, ein Taschentuch in der Hand. Ihr Sohn kam in den Gruppenraum, setzte sich in einen Spielbereich und begann zu spielen. Wie an jedem Tag. Später sprach ich vorsichtig mit ihm, wir sahen uns ein Bilderbuch an. „Oma ist im Himmel.“ Er sei schon traurig dass sie nicht mehr da ist. „Aber es geht ihr jetzt doch besser.“

Ein anderes Mal führte ich mit den Kindern ein philosophisches Gespräch über den Tod und das Sterben. Wir sahen uns zunächst ein Bilderbuch an und sprachen danach noch über den Tod, das Sterben, wie sich die Kinder den Himmel vorstellen, ob ihnen dieser Begriff überhaupt etwas sagt. Ich wusste, dass von einem Mädchen vor kurzem die Tante überraschend verstorben war, und da sie sich seit dem Todesfall sehr zurückgezogen hatte und wenig sprach, wollte ich ihr mit der Geschichte eine Möglichkeit bieten, in einem geeigneten, sicheren Rahmen darüber zu sprechen.

Was im Endeffekt heraus kam, verblüffte nicht nur meine Kollegin, sondern auch mich vollends. Die Kinder begannen untereinander, darunter auch das Mädchen, über Gott und das Sterben, über den Himmel und all die Menschen, die sich dort schon befinden, zu sinnieren. Die Kinder teilten sich untereinander mit, sprachen von ihren Utopien, ihren Bauwerken, ihren Gedankenkonstrukten, den Ergebnissen ihrer Fantasie.„Oma und Opa sind schon da oben, ich geh vielleicht auch bald hinauf.“ -„Die haben alle weiße Gewänder.“ -„Wenn ich dann oben bin ess ich nur Schokolade.“ -„Das ist ein Ort, den es nicht gibt.“ Hoppla – wir wurden hellhörig.

Der Himmel, das „ist ein Ort, den es nicht gibt“

„Ich kann diesen Ort nicht angreifen. Ich war auch noch nie dort. Ich kann dort nicht hin. Ich kann nicht fliegen.“ Es war das Mädchen, deren Tante verstorben war. Angeregt führten die anderen Kinder ihre Gedankengänge weiter. Wie geht das, dass etwas nicht sein kann. Wie ein Traum. Das Gespräch nahm eine Wendung. Nun erzählten sich die Kinder von ihren Träumen. Sie verbanden etwas, das nicht ist, mit etwas, dass sie jede Nacht erleben, träumen, aber ebenfalls nicht ist, nicht stattfand.

Kinder versprühen eine faszinierende Naivität, eine wunderbare kindliche Sehweise, ein wundervolles Erfahren des Lebens. Sie verstehen viel nicht so, wie wir es verstehen würden. Doch sie verstehen anders. Sie basteln sich ihre eigene Welt zusammen, eine eigene Utopie. Legen, bauen, konstruieren eine Brücke von ihrer Utopie in die Utopie des Himmels. Errichten eine kindliche Utopie neben der großen der Erwachsenen, die wir meistens nicht bemerken und übersehen. Dass sich bei vielen jene Utopie über Glaube und Himmel in Luft auflöst ist aufgrund des älter werdens völlig normal – wenn einem Kinder die Möglichkeit geben, an ihren Utopien Teil haben zu lassen, sollte man sich deswegen ruhig glücklich schätzen und so gut es geht daran teilhaben. (M.T., 18. 01. 2013)

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