Ich brauche, nichts zu brauchen

Rose, die charismatische ehemalige Chefin des Feinkostladens und Lokals Mild, ist verstorben. Ein Nachruf.

Das Taxi hält draußen. Ein wenig dauert‘s, dann geht die Tür auf und Rose kommt herein. Sie begrüßt mich mit einem Augenzwinkern und einem „Grüß dich!“, ich helfe ihr aus dem beigen Mantel, sie setzt sich, es ist immer der gleiche Tisch, sie bekommt ein Mahl, beginnt zu essen, blickt mich an. „Was bist denn vom Sternzeichen?“ Schütze, antworte ich. „Na, wer denn noch? Weißt es?“ Ich verneine diesmal.  „Rainer Maria Rilke. Und weißt wer noch? Beethoven. Und der Stefan Zweig, ja.“ Ich versuche, mir die drei zu merken, um es beim nächsten Mal zu wissen. „Weißt du welcher Film mein Lieblingsfilm ist?“ Ich weiß es, verneine trotzdem, denn nichts liebt sie mehr, als über dieses Werk zu sprechen. „‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘, aus den 80ern. Weißt Du, ich habe den Film nur einmal gesehen. Nur einmal. Dann habe ich allen gesagt, sie sollen sich den Film auch ansehen. Allen. Habe sie in die Vorstellung gebracht, dann habe ich vor dem Kinosaal gewartet. Ich habe mir den Film nicht noch einmal angesehen, nein, das konnt‘ ich nicht.“

Sie schlürft die Suppe, dann blickt sie mich wieder an. Ich lächle. Der Film ist ein Horrorfilm, sein zentrales Thema, so ein Medienwissenschaftler einmal, sei das „Sehen“ einer anderen Dimension, welche die sichtbare Welt transzendiert. Rose lächelt auch. „Ich habe einen Witz, willst ihn hören?“ Ich bejahe natürlich. „Woran erkennst‘ den Unterschied zwischen einem evangelischen und einem katholischen Pfarrer? Na, weißt‘ es nicht? Beim evangelischen Pfarrer hängen die Windeln im Pfarrhof, beim katholischen Pfarrer im ganzen Dorf!“ Sie beginnt zu kichern, so mädchenhaft, und ich lache.

Sie nimmt Gabel und Messer, hält inne. „Magst‘ ein Schweinsbratenbrot nachher mitnehmen?“ Gern. „Pack‘ ich dir nachher ein, und was Süßes auch?“ Ich sage Nein, weiß aber, dass ich später auch noch Schokolade finden werde, im weißen Umschlag, der den Schweinsbratenduft in meine Studentenbude tragen wird. Sie lehnt sich zurück, erzählt mir von vielen bereits verstorbenen Schriftstellern, – „alles Säufer“ – , die sie in ihrer Zeit im Mild getroffen und kennengelernt hat. Dann hält sie inne, sieht mich ernst an. „Ich brauche, nichts zu brauchen. Ich brauche, was ich bin.“ Ihr Lieblingsgedicht. Ich habe es mir nie ganz aufgeschrieben, immer nur diese erste Zeile.

Schade. Rose konnte es, wenn es ihr gut ging, in seiner Gänze rezitieren, wie so vieles. Manchmal ging es ihr nicht so gut, da ärgerte sie sich dann, weil es nicht klappte. Jedenfalls ging ich dann nach einiger Zeit, weil ich irgendwann wusste, dass es für heute reicht. Dann zwinkerte sie mir immer zu, wenn sie hinter den Tresen schlurfte. Ich wartete an der Tür, schon angezogen, und habe mich gefreut. „Da hast, lass es dir schmecken!“ Bis bald, Rose, bis in einen Monat, sage ich. Und danke für alles.

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