„In der Ukraine gab es seit Januar keinen neuen Witz“

Andrej Kurkows persönliche Chronik der Ereignisse auf dem Euromajdan, die er in seinem Buch „Ukrainisches Tagebuch“ festgehalten hat, spielt zu Beginn noch mit Humor, Ironie und Sarkasmus. Gegen Ende hin überwiegt jedoch der schlichte und dokumentarische Charakter.

Für Kurkow kein Wunder: Sobald die Gewalt in der Ukraine die Überhand nahm, war für ihn kein Platz mehr für Spaß. „In der Ukraine gab es seit Januar keinen neuen Witz mehr“, merkt er an. Es gibt zu viele Tage ohne Lächeln und ohne Hoffnung. Seinen persönlichen Humor hat er aber nicht verloren.

Im Rahmen von FreiSchreiben. Literatur und Widerstand werden kritische Autorinnen und Autoren auf die Bühne gebeten. Dieses Mal fand im Vorfeld eine Werkstattdiskussion mit Studierenden des Studienganges Journalismus und PR der FH JOANNEUM und einem der bedeutendsten ukrainischen Schriftstellern der Gegenwart – Andrej Kurkow – statt. Ich durfte mit einer Kollegin das Gespräch moderieren und mit Kurkow Fragen zur aktuellen Situation in der Ukraine, der Entstehung seines Buches und der Bedeutung Intellektueller und Schriftsteller für Revolution und Widerstand besprechen.

Geplant war die Veröffentlichung seines Tagebuches nicht, erzählt Andrej Kurkow. Eigentlich wollte er für den österreichischen Haymon-Verlag ein Non-Fiction-Buch über die Ukraine für Außenstehende schreiben, das die Unterschiede zwischen der Ukraine und Russland definiert und die Traditionen des Landes herausarbeitet. Doch die Ereignisse des 21. Novembers 2013 kamen dazwischen.

Die ukrainische Regierung verkündete, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union vorerst nicht unterschreiben zu wollen, was Proteste der Bevölkerung auf dem Majdan nach sich zog. Kurkow dachte, dass es wichtiger wäre, diese Ereignisse den Mittel- und Westeuropäern näher zu bringen und zu erklären. In der Ukraine ist sein Buch bislang nicht erschienen. Er betont, dass er das „Ukrainische Tagebuch“ nicht für ukrainisches Publikum geschrieben habe – die wüssten ohnehin, was in ihrem Land vor sich gehe.

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(c) Alexandra Polic

Andrej Kurkow wurde 1961 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren, lebt aber seit seiner Kindheit in Kiew. Er schreibt und spricht Russisch, hat aber außer seiner Ethnizität und seiner Sprache nichts mit seinem Geburtsland gemeinsam. Im Gegenteil: Durch die Proteste wurde er zum ukrainischen Patrioten und ist damit bei weitem nicht der einzige ethnische Russe, der sich so entwickelte. Kurkow erklärt, dass der Konflikt, der sich in den letzten Monaten zwischen der Ukraine und Russland entzündet hat, weder einer der Sprachen, noch einer der Ethnizitäten sei.

Es geht um die Mentalität, die in der Ukraine herrscht. Ist sie im Westen ob der Nähe eher europaweisend, hängt sie im Osten eher am Rockzipfel von Mütterchen Russland. Könnte man am Konflikt überhaupt eine gute Seite ausmachen, sähe sie Kurkow in der Manifestation der Interessen, die das Land schon sehr lange benötigt. Die westlichen Regionen zeigen nun endlich eine gemeinsame, ernsthafte Bestrebung nach einer unabhängigen, korruptionsfreien und europaorientierten Ukraine.

Die Orangene Revolution im Jahr 2004 sehen viele Ukrainer als gescheitert an und wollen es nun besser machen. Probte man 2004 noch mit Reden, Gesprächen und Diskussionen den Aufstand, wolle man jetzt nicht wieder unzufrieden nach Hause gehen, sondern griff zur Waffe. Die Orangene Revolution war nicht blutig genug gewesen, um etwas zu ändern, den Fehler wollen die Ukrainer laut Andrej Kurkow nicht noch einmal machen. Die dünne intellektuelle Schicht in der Ukraine, zu der auch er gehört, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. „Die Intellektuellen können untereinander kluge Dinge reden, aber das Volk wird nicht zuhören“, meint Kurkow. Nicht mehr.

An der Orangenen Revolution war er selbst beteiligt und moderierte öffentliche Diskussionen. Jetzt nimmt er nur noch eine kommentierende Rolle ein und schildert „seine Wahrheit“ den Medien. Hochrangigen, ausländischen Medien in Westeuropa und den USA – dort will man seine Meinung noch hören.

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(c) Alexandra Polic

Aktueller Nachtrag

Am Sonntag, dem 26. Oktober, fanden in der Ukraine die vorgezogenen Parlamentswahlen statt. Andrej Kurkow hält sie für ein Zeichen der Normalisierung, erwartete aber nicht viel von ihnen. Unter anderem auch aufgrund seiner Landsleute: „Die Ukrainer wählen einen Präsidenten und hassen ihn dann gleich”.
Das Wahlergebnis weist Richtung Europa. Die prowestlichen Parteien von Präsident Petro Poroschenko (21,8%), Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk (22,2%) und des Lemberger Bürgermeisters Semen Sementschenko (11%) erhielten die meisten Stimmen. Die radikalen Rechten wurden abgestraft: Die übrig gebliebene Partei der Regionen von Ex-Präsident Janukowitsch (9,7%) und der Rechtspopulist Oleh Ljaschko (7,5%) blieben unter den Erwartungen. Poroschenko, der vom Ergebnis seiner eigenen Partei enttäuscht ist, da ihm bis zu 35% prognostiziert wurden, kündigte schnelle Koalitionsverhandlungen an.

Gastautorin Marlene Penn (19) ist gebürtige Linzerin und versucht ihr Glück an der FH JOANNEUM, wo sie Journalismus und PR studiert. Das Glück findet sie in vielem: Schreiben, Naturwissenschaften, Kultur, Lachen, Reisen und Eishockey. Für Feuilletonsern schrieb sie über die Ukraine und das Gespräch mit Andrej Kurkow.

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