In Hoc Signo Vinces

Touristenführungen mit machen kann jeder. Einfach drauflos spazieren auch. Ich tat letzteres – von idyllischen Bahnübergängen, gepflegten Parkanlagen und toten Katzen im Fluss. Eindrücke aus Plzen, der Kulturhauptstadt Europas 2015.

In der Nemocnični steht ein großes Gebäude. Eine ehemalige Fabrik vielleicht, heute verlassen. Von Anarchisten besetzt, geräumt, aufgegeben, unbewohnt. Fensterscheiben zerschlagen. Mauern durch vielen Regen verschimmelt und von Asseln durchlöchert. Stacheldraht sperrt aus und ein. Über einen verwachsenen Bahnübergang wende ich mich gen Norden. Hohe Büschel Gras zittern leicht im Wind, der angenehm kühl umherstreicht. Schienen führen nach Plzen hinein und wieder hinaus.

In der Telovična steht auf einem umzäunten Gelände ein alter, einsamer roter Škoda. Vor einem großen, blauen Eisentor genehmigt sich ein Mann im blauen Overall einen Schluck Bier aus der Dose. Er schüttelt den Kopf, als ich vorüber und um das Gebäude herumgehe, um schließlich in der Lukavická die Rückseite des Gebäudes anzusehen. Während eine Postlerin in roten 15-Loch Stahlkappenstiefel vorüberschlurft und Prospekte austrägt, schlendere ich die Télovična ulice hinunter.

In der Ulice Ant. Uxy erblicke ich Häuser mit schönen, gediegenen Fassaden. Schmuckwerk ziert Eingänge. Ein O-Bus fährt knisternd an mir vorbei, als ich die Presslova in Richtung eines großen Parks hinunterspaziere. Links und rechts von mir erhebt sich zeitweise bröckelndes Mauerwerk, gekrönt von Stacheldrahtzaun. Letzterer scheint in Plzen allgegenwärtig. Tauben geben ununterbrochen eintöniges Gemurmel von sich, einen schläfrigen Ton gar. Man darf nicht zu lange lauschen, sonst wird man von einer Müdigkeit gepackt, die einem Spaziergang eher hinderlich ist.

Nachdem ich an einem O-Bus Parkplatz vorbeiging und mir viele BusfahrerInnen ausnahmsweise zu Fuß entgegen kamen, entpuppt sich der große Park als Uferanlagen der Radbuza. Der Fluß bewegt sich träge dahin, während sich stattliche Bäume im Wasser spiegeln. Mir gegenüber auf einem Hügel befindet sich offensichtlich ein Friedhof. Bei einer Ecke der Uradbuzy quere ich die Radbuza und wende mich flussabwärts. Über einen steilen Schleichweg, mit Müll übersäht, komme ich an die Slovanska und stehe schließlich im Friedhof.

Im Friedhof liegen Obdachlose dösend auf Parkbänken, während eine Gruppe Jugendlicher einige vesela cigareta raucht. Daneben alte Grabsteine, verwittert, vom Wind umgeworfen, und gepflegte Grünflächen. Auf diesem Friedhof finde ich auch das Grabmal von Emil von Škoda. Bis in die 70er Jahre war es, von Schlamm und Erde bedeckt, nicht klar zu sehen, wurde dann aber von einem Panzer der tschechischen Armee herausgezogen und renoviert.

Schließlich gehe ich auf der Mikulaška wieder in Richtung Zentrum. An der Go-Kart Arena Kartarena vorbei gelange ich in einem Bogen wieder zum Ufer der Radbuza. Zahlreiche kapitalismuskritische und anarchistische Kunstwerke zieren nun das Straßenbild. Plzen verfügt über eine große anarchistische Szene. Dennoch ist Anarchismus tot – zumindest im Fluss: Der Leichnam einer toten schwarzen Katze schwimmt, aufgebläht und von Mückenschwärmen begleitet, die Radbuza entlang. Bei einem künstlichen Wasserfall starrt eine Frau traurig auf die dahinbrausenden Wassermassen. Dann treibt die Katze vorbei und stürzt nach unten.

Ich stehe vor einem Gitterzaun, der das ehemalige Gelände des Kulturpalastes umgibt. Heute leer und schrecklich staubig. Einige Autos parken auf dem riesigen Areal. Die Stadt versuchte unzählige Male, die Pilsener Bevölkerung dazu zu bewegen, dem Bau eines (weiteren) Einkaufszentrums zuzustimmen. Doch jedesmal erteilte das Volk der Stadt per Referendum ein klares Nein. Was in Zukunft passiert, ist noch ungewiss.

Später gehe ich die Pražka entlang. Immer mehr Umbauarbeiten prägen nun das Stadtbild. Wege werden ausgebessert, Parkplätze angelegt, neue Pflastersteine verlegt. Nachdem ich am Biermuseum Darky Pivoarske Muzeum vorbeikomme stehe ich in der Veleslavikova. Hier findet man gemütliche kleine Lokale und Cafés, die zum verweilen einladen. Auch zahlreiche kleinere Galerien und Kunststuben haben sich dort angesiedelt.

Ich spaziere vor mich hin, gehe am General Patton Muzeum vorbei, und bewege mich schließlich über den Plzen Plaza in einen Park. Geht man auf einem sehr grünen Weg und unter schattigen Bäumen ständig geradeaus kommt man zum Zoo. Hat man, so wie ich, nicht gerade Lust auf bereits verrückte Affen und eingesperrte Tiere im Allgemeinen, so setzt man, so wie ich, den Weg nach hinten fort, besteigt den Hügel, quert zahlreiche Plattenbausiedlungen und steht dann auf einer Anhöhe, die den wahrlich besten Ausblick auf Plzen bietet. In Hoc Signo Vinces – in diesem Zeichen wirst du siegen.

Eine Antwort auf “In Hoc Signo Vinces

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.