Jetzt hab ich sie, Herr Sackbauer!

Letzter Tag des Jahres, gespannt blicken alle gen Himmel, auf denen Raketen zerplatzen und Feuerblumen in die Nacht gezeichnet werden.

Es blitzt, es donnert. Neben uns brüllen enthusiastische Piefke bereits die Zahlen 3, 2, 1 und schmeißen anschließend begeistert leere Sektflaschen auf das unter der Brücke durchführende U-Bahn Gleis. Ein junger Student steht mitten am Zebrastreifen und gurgelt laut Schampus. Die ersten Rettungsfahrzeuge mit Blaulicht und Sirene fahren an uns vorbei, dicht gefolgt von einigen Einsatzwagen der Kieberei. ‚Gleich ist es soweit!‘,  erfahren wir und halten uns gespannt an den Händen.

Jetzt darf man auch wirklich zählen, wir haben eine punktgenaue Uhr, Schmartphone sei Dank. 3, 2, 1, der Himmel explodiert, die Welt geht unter. Dutzende Mundels schießen Raketen von Fensterbänken in die gegenüber liegenden Häuser, wir trinken eifrig Champagner, ein Böller explodiert unter einem Linienbus, die Menge johlt.

‚Dat is geil hier‘ wird gebrüllt, ‚Guats neix Joahr‘ wird geküsst.

Zwei sichtlich angetrunkene ältere Herren stolpern mitten auf die Straße, Taxifahrer hupen genervt. Rasch zünden die beiden Herren ein Feuerwerk und huschen zurück in die Anonymität der breiten Feiermasse, während auf der Straße ein Maschinengewehr losrattert, offensichtlich mit Leuchtspurmunition. Die Russen kommen, kreischt eine Dame und wirft ihren Dackel entsetzt in die Luft. Gelächter ertönt, als Taxis vor der Raketenabschussbasis notbremsen oder hektisch ausweichen. Die nächsten Feuerwehrfahrzeuge fahren vorbei, die Lichtkaskaden und Böller am Himmel nehmen wir gar nicht mehr wahr. Immer wieder schenkt man nach, dann wechselt eine Champagner-Flasche den Besitzer und wir schlürfen deutsches Gesöff.

‚Ick bin ja extra her von Berlin. Wien ist gut zum feiern!‘

‚Häppi nu Jiiiir‘, frohlockt eine Asiatin, die mit kleinen Glücksschweinchen herumstehende Kinderwägen besonders verantwortungsvoller Eltern vollstopft. Plötzlich wird Walzer getanzt, noch immer sind wir in der ersten Minute des neuen Jahres, Paare drehen sich mehr oder weniger graziös mitten auf der Kreuzung, Autos hupen im Takt. Wieder steigt eine Batterie von Raketen in den Himmel, eine verirrt sich und trudelt gegen eine Fensterscheibe, Menschen rund um uns herum juchzen im Chor. Die Sicht wird zunehmend schlechter, das Atmen zur Qual. Wildfremde Leute, die neben uns stehen, fangen an, uns zu umarmen und zu busserln, wir sollen doch mitkommen. Wir kommen mit und enden in einer netten WG-Party mit Deutschen und Oberösterreichern. Die meisten Deutschen kommen aus Berlin, einige sogar aus meinem geliebten Wedding. Die Welt wird draußen etwas älter, während wir uns herrlich jung fühlen.
Wir mischen Sternburger mit Ottakringer und prosten uns zu, dann wird die Nacht zum Morgen und der Alltag beginnt. Prosit Neujahr.

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