Kindheit

Ich laufe die Holztreppe hoch, nehme zwei Stufen auf einmal, rutsche oben fast kurz aus und öffne die Tür. Der Hund bellt freudig und springt an mir hoch, leckt mir über das Gesicht. Lachend streichle ich ihn, fahr ihm mit der rechten durch sein glänzendes Fell, während ich in der linken vorsichtig das kleine Säckchen voller Eier halte.

Wir gehen in die Stube, in der es wie immer heißer als draußen ist, da Oma den Ofen für den Kuchen beheizt. Sie sitzt am Esstisch, dessen weißes Tischtuch von einem dünnen Plastiküberzug geschützt wird, und liest die Sonntagszeitung. Die Uhr über ihr tickt laut, Fliegen summen im Raum herum, manche lassen sich für immer auf einem der zahlreichen von der Decke hängenden Fliegenfänger nieder.

Sie dreht sich um und mustert mich. Freudestrahlend zeige ich ihr den Inhalt meiner Tasche. Sie blickt hinein, und ich schiele zum Ofen hinüber, aufdem noch die Pfanne voller Fett steht, das Oma für die Schnitzel zu Mittag benötigte. Rechts davon, am grünen Sofa mit den Blumenmotiven, liegt mein Großvater und schläft. Sein Kopf ist auf das größte Kissen gebettet, seine Brust hebt und senkt sich regelmäßig, die Hände wie zum Gebet über der Brust gefaltet.

Sein rotes kariertes Hemd ist fast zugeknöpft, seine Zehen in den gestopften Socken bewegen sich sachte. Ich blicke wieder zu Oma und sehe, wie ihre Stirn sich streng in Falten legt. Was habe ich dir gesagt? Habe ich dir erlaubt, auf den Heustadl zu gehen? Hab ich dir erlaubt dort hinauf zu gehen? Weißt du denn nicht wie gefährlich das dort oben ist? Weißt du denn nicht dass du dir da etwas brechen kannst? Sie flüstert erbost.

Ja, sie hat es mir verboten. Aber ich wollte trotzdem hinauf. Bin von Heuballen zu Heuballen gesprungen, habe mir mit der Tochter des Melkers eine Höhle gebaut, habe mit ihr den Staub betrachtet, der in den Sonnenstrahlen, die durch das Dach sickerten, funkelte, habe mit ihr die Eier dort oben eingesammelt, habe mit ihr ein, zwei, drei Eier aufgebrochen, wir waren doch nur neugierig, wollten hineinblicken, hofften auf Kücken.

Ich blicke beschämt zu Boden, mir ist heiß und ich fühle mich unwohl. Ich hasse es, gescholten zu werden. Aber die Eier, sage ich leise. So viele schöne Eier. Hoffnungsvoll blicke ich hoch. Oma muss lächeln, die Strenge ist von ihrem Gesicht entwichen. Sie steht auf und nimmt mich in den Arm. Bist eh brav. Aber versprich mir, dort nie wieder hochzugehen. Ich gehe in das Wohnzimmer, um mit meinen Cowboys zu spielen. Gleich werden sie von Indianern angegriffen.

Gewidmet meiner Großmutter Gertrud Kainz (Sept 1929 – Jän 2013)

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