Leichtes Geld

Tamara Arnaut lebt in Balti, sie arbeitet dort als Deutschlehrerin am Gogol-Lyzeum. Für Feuilletonsern.at gewährt sie regelmäßig Einblick in ein in Europa relativ unbekanntes Land: Moldawien. Diesmal schrieb sie über Impressionen vom Flughafen Chisinau in Moldau – und welche grauenvollen Folgen Emigration haben kann.

Ein trüber Tag am Flughafen von Chisinau, Moldau. Am Check-in für den Flug nach Istanbul befand ich mich inmitten einer Menge von Frauen, die ausnahmslos nicht als TouristInnen in die Türkei fliegen. Meistens ist das Ziel solcher und ähnlicher Flüge für diese Frauen eine illegale Beschäftigung im Ausland. Laut Schätzungen des moldauischen Migrationsdienstes leben derzeit mehr als 600.000 von knapp 4 Millionen MoldauerInnen im Ausland. Dies betrifft fast in jeder dritten Familie ein Familienmitglied. Zwei Drittel der Migranten sind männlich, ein Drittel davon weiblich.

Für Frauen aus Moldau gibt es in Sachen illegaler Arbeit im Ausland zwei bevorzugte Länder: Italien und die Türkei. Beides erklärt sich auch durch die Ähnlichkeit der dort gesprochenen Sprachen mit der Muttersprache. Während das Rumänische den Einstieg in das Italienische wesentlich erleichtert, ist es andererseits das außerhalb Moldaus wenig bekannte Gagausische, das einen Bezug zur Türkei herstellt. Frauen aus dem südlichen Teil Moldaus machen sich als Angehörige der gagausischen Minderheit besonders häufig auf den Weg in die Türkei; die Amtssprache der innerhalb Moldau autonomen Republik Gagausien gilt den einen als türkischer Dialekt, den anderen als eine eigenständige Sprache.

Zurück zu meiner Reise nach Istanbul. Sowohl beim Hin- als auch beim Rückflug habe ich einige sehr bemerkenswerte Frauen kennengelernt, deren Lebensschicksale stellvertretend für das einer ganzen moldauischen Generation stehen. Die Ursachen für die Abwanderung aus Moldau und für die in der Regel illegale Beschäftigung im Ausland sind in der schwierigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lage des Landes zu suchen.

Marina – 15 Jahre illegal in der Türkei

Beim Check-in komme ich mit Marina (51) ins Gespräch. Sie hat mehr als 15 Jahre illegal als Babysitterin und Putzfrau in der Türkei gearbeitet. In dieser Zeit hat sie ihre eigene Tochter nur dreimal gesehen: nach dem Schulabschluss, bei deren Hochzeit und bei der Geburt ihrer Enkelin. Das erklärt sich aus den für MoldauerInnen in der Türkei geltenden Visums-Bestimmungen. Für die Türkei gibt es legal lediglich die Möglichkeit, ein kurzfristiges Visum mit einer Dauer von einem Monat zu beantragen. Danach bleiben Frauen wie Marina in den meisten Fällen illegal für länger im Land. Bei einer Rückkehr nach Moldau müssen sie eine hohe Strafe bezahlen und  dürfen lange Zeit nicht mehr in das so eben verlassene Land zurückkehren – beides hängt von der Dauer ihres illegalen Aufenthaltes im Ausland ab.

Marina hat vor drei Jahren endlich die türkische Staatsbürgerschaft erhalten. Seitdem hat sie ihr eigenes „Geschäft“: Sie ist zur Anwerberin geworden, die gezielt Frauen aus Moldau in die Türkei vermittelt. Die Arbeitsmöglichkeiten sind nicht gerade abwechslungsreich, es werden Stellen im Haushalt sowie in der Alten- und Krankenpflege angeboten. Frauen aus Moldau ersetzen türkischen, (aber auch italienischen, russischen, deutschen…) Kindern ihre Mütter. Oft gehen sie auch neue Ehen ein, während ihre eigenen Kinder in Moldau alleine oder mit den Großmüttern, Tanten und Vätern aufwachsen. Die auf diese Weise verloren gegangene mütterliche Liebe, Zärtlichkeit und Zuneigung, wird durch iPhones, iPads, teure Kleidung, vor allem aber durch Geld kompensiert.

Marina bereitet moldauische Frauen auf ihre „Reise“ vor, sie vergibt Kredite und sucht für ihre „Landsfrauen“ Arbeit. Auf solche Weise verdient Marina ihr leichtes Geld. Was in Moldau oder mit den Frauen passiert, die sie vermittelt, weiß sie nicht und interessiert sie auch wenig. Später im Flugzeug war es für Marina von größerer Bedeutung, dass es kein Bordservice gab und dass mit ihr ausschließlich Rumänisch gesprochen wurde,  das sie nicht versteht.

 

Filmtipp: „Mama illegal“ – Moldauische Frauen in Österreich, ein Film von Ed Moschitz

 Erster Teil:

Den zweiten Teil des Gastbeitrages von Tamara Arnaut finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.