Leitartikel: Geschichten, die das Leben schreibt

Wir alle haben Geschichten. Sie vermögen es, uns zu vereinen oder aber auf ewig zu trennen. Wir können aus ihnen lernen – oder sie ständig wiederholen. Über allem steht aber, dass sie, wenn wir sie richtig erzählen, das Leben erst so richtig interessant gestalten.

Vor siebzig Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Die Herrschaft der NationalsozialistInnen wurde in Europa beendet. Der von den Nazis verursachte Krieg, die damit verbundenen Kriegsverbrechen und der Holocaust forderten nach Angaben von HistorikerInnen bis zu 80 Millionen Menschenleben. Eine furchtbare Geschichte, auf ewig mit uns verbunden. Und das ist gut so. Wir, die Kindeskinder, finden zu Formen der Erinnerung an diese oftmals entsetzlichen Geschichten: Gedenkveranstaltungen, Mahntafeln und diverse Projekte sind dem Gedenken an Opfer von Gräueltaten und ehrenhaften Handlungen von WiderstandskämpferInnen gewidmet. Sie sollen vor allem jedweder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.

Zu behaupten, dass eine Wiederholung nicht möglich oder die Gefahr von Anfängen in diese Richtung nicht gegeben sei, wäre schlicht eine unwahre Geschichte. Tatsache ist nämlich, dass diese Gedankenströmungen nach wie vor in Österreich existieren. Daran können auch europäische Top-Events, die in Wien stattfinden, nichts ändern oder beschönigen. Mehr noch: Der Eurovision-Song-Contest zeigte bloß, wie verdorben, verlogen und falsch die Gesellschaft Österreichs im tiefsten Inneren seines sich in der Aufmerksamkeit eines Kontinents sonnenden Ichs doch ist. Während der Veranstaltung predigte man Weltoffenheit und Toleranz, erging sich in Ruhmes- und Dankesfloskeln, sah sich gerne als brückenbauendes Etwas. Bei sieben Tage später stattfindenden Wahlen in zwei Bundesländern präsentiert dieselbe Gesellschaft überwiegend Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus.

Als große Wahlsiegerin geht nämlich jene Partei hervor, die mit garstigster Hetze gegen MigrantInnen, Religion und Vielfalt aufwartet, und dabei auf eine lange Geschichte von „unabsichtlichen“ Berührungen mit Rechtsextremismus und übelsten „Ausrutschern“ auf dem Glatteis des Nationalsozialismus zurückblicken kann. Seltsam, wie schnell man von einer medial konstruierten und ohne größeren Widerstand durch die Gesellschaft getragenen ESC-Toleranzbotschaft auf den harten, braunen Boden der Realität zurückgeholt werden kann. Welch traurige Geschichte, die wir da begonnen haben zu schreiben.

Ganz richtig – wir. Um Geschichten zu hören, zu lesen und zu sehen, müssen sie zuerst geschrieben, danach erzählt werden. Es liegt also wieder einmal nur an uns, wie diese Geschichte ausgeht, wie jede Geschichte ausgeht. Hierbei wäre es hilfreich, wenn wir denen zuhören würden, die bereits Geschichten geschrieben haben: Alten ZeitzeugInnen wie Maria Cäsar, die wir in dieser Ausgabe porträtierten, und die damals Widerstand gegen rassistisches Gedankengut leistete – und dies heute noch immer tut. Wir könnten ZeitzeugInnen wie ihr zuhören, uns von ihren Engagements etwas abschauen, von ihren großen Portionen Mut etwas abschneiden. Wir könnten aber genauso der „TäterInnen“-Generation lauschen. Jenen, die damals begeistert die Rechte hoben, die damals „für Führer, Volk und Vaterland“ gekämpft haben. Wir können aus ihren Fehlern lernen, verstehen, warum sie damals so dachten, wo bei ihnen dann ein Umdenk-Prozess in Gang gesetzt wurde – oder aber, warum sie gerade diesen einen Prozess verpassten.

Wir können uns durch ihre Geschichten weiterbilden, damit die besten Voraussetzungen schaffen, unsere eigenen, zukünftigen Geschichten zu schreiben. Denn das tun wir beständig. Damit wir aber ein wirklich schönes, gutes Ende unserer Geschichten vollbringen, bedarf es doch eines offenen kollektiven Bewusstseins für Liebe, Verständnis, Weltoffenheit und Toleranz. Dann erst wird unser Leben so richtig bunt und interessant.

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