Grotesk und desillusionierend

Die Medienakademie bildete sich aus KollegInnen aus der Schweiz, Wien und aus meinem Studiengang in Graz. Wir berichteten, im Team mit NZZ.at-Chef Michael Fleischhacker, vom Mediengipfel in Lech. Eine Veranstaltung der Extreme: Diskussionen und Vorträge gestalteten sich extrem interessant, lehrreich und informativ, aber auch grotesk, unbeholfen und desillusionierend. Teil Zwei.

grotesk, unbeholfen und desillusionierend

Auf dem Weg nach Lech, dem Austragungsort des 8. Mediengipfels, fährt man durch mehrere kleinere Gemeinden. In einem solchen Ort stehen am Straßenrand Reste der Berliner Mauer. Grotesk. So empfand ich auch die Gipfeldiskussion am Rüfikopf zum Thema „Wie reagiert Europa?“. An diesem Abend, der für mich mit Abstand der interessanteste und informativste des Mediengipfels war, sollte es eigentlich darum gehen, hilfreiche Antworten auf die Krise in der Ukraine zu finden. Stattdessen beschuldigte man ständig die Anderen und verlor sich in ewigen selbstverliebten Statements.

Ein Blick auf die Vortragenden und PodiumsteilnehmerInnen verdeutlicht die teils skurrilen, teils inhaltlich qualitativen Meinungen des Abends. Stefan Karner von der Karl-Franzens-Universität in Graz eröffnete die auf engsten Raum stattfindende Szenerie mit einer Rede, die inhaltlich komplett irrelevant war. Die private Fehde zwischen Herwig Höller und Gerhard Mangott war mehrmals zu spüren. Susanne Glass, ARD-Korrespondentin, war als Moderatorin am Podest, schlüpfte aber zu oft in eine Teilnehmer-Rolle. Eugen A. Freund, dessen Teilnahme am Podium mir auch nach der Veranstaltung eher ein Rätsel war, zeigte sich zwar am Konsens interessiert, drückte sich aber dermaßen unbeholfen und linkisch aus, dass das Publikum sogar spöttisch lachte.

Für die größte Heiterkeit an diesem Abend sorgte jedoch der russische Botschafter Sergej Netschajew. Gleich zu Beginn macht er nämlich – wie es sein Brötchengeber verlangt – klar, dass Russland „kein Konfliktpartner innerhalb der Ukraine-Krise sei.“ Das Publikum schmunzelt, vereinzelt wird gelacht. „Warum lachen Sie? Habe ich einen Witz gemacht? Sie werden heute noch viele Witze hören!“, poltert er daraufhin. Er, der die offiziellen Floskeln seines Landes wiedergeben muss, reagiert emotional. Ein Zeichen dafür, dass er insgeheim natürlich weiß, wie lächerlich falsch sich seine Aussagen angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen der Ukraine-Krise anhören? Auch seine Forderungen nach zielführenden Dialogen zwischen den Konfliktparteien sind unglaubwürdig. Immerhin zeigt die russische Förderation selbst keinen Willen, Dialog zu führen. Gekonnt schießt Netschajew den Ball zurück: „Hätten die Europäer den Staatsstreich nicht anerkannt, wäre es niemals zu dieser Krise gekommen.“ Unterstützt wird Netschajew vom russischen Journalisten (!) Igor Belov, der ihm, was Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber der NATO und Amerika anbelangt, stabile Rückendeckung gibt.

Zusammengefasst war die vorherrschende Emotionalität, die auch die etwas später dazukommende Cathrin Kahlweit (Süddeutsche Zeitung) dem Podium konstatierte, gut. Sie führte nämlich zu einer gewissen Ehrlichkeit, die durchaus in der Lage gewesen wäre, das gegenseitige Verständnis innerhalb der Krisenkommunikation zu fördern. Leider zeigte sich niemand daran interessiert. Sämtliche Diskussionsteilnehmer gingen lieber danach getrennt Essen. „Wenn schon diese entscheidungsbefreite Diskussionsrunde nicht über Lösungen sprechen kann, wie stiernäckig müssen sich dann Kiew, Moskau und Brüssel in Verhandlungen verhalten?“, werden mein Kollege Adrian Engel und ich später in einem Kommentar schreiben – diese Veranstaltung hinterließ einen desillusionierenden Nachgeschmack.

Der Mediengipfel 2014 war jedoch alles in allem eine gelungene, informative und tolle Veranstaltung. Ich konnte mir ziemlich viel Input und Wissen mitnehmen – nicht zuletzt dank Michael Fleischhacker und dem Team der Medienakademie!

Zum Internetauftritt der Medienakademie: Blog

Zum Interview mit dem russischen Botschafter in Wien, Sergej Netschajew (gemeinsam geführt mit Adrian Engel: „Medienfreiheit in Russland ist hoch

Zum Kommentar zur Veranstaltung am Rüfikopf (gemeinsam geschrieben mit Adrian Engel): „Bilateraler Monolog

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