Mit Tränen in den Augen

Der Tag des Sieges über Nazi-Deutschland ist nach wie vor der wichtigste Feiertag in Russland. In Moldawien hingegen ist man sich nicht sicher, ob man dem Zweiten Weltkrieg gedenken sollte – oder einem vereinigten Europa. Eines ist jedoch klar: Die Erinnerung an den Sieg über Nazi-Deutschland muss aufrecht erhalten bleiben.

Vor dem Rathaus auf dem zentralen Platz in Chisinau sind am 9. Mai keine roten, sondern blaue EU-Fahnen zu sehen: Der Platz der Volksversammlung wurde von der Regierung am „Tag des Sieges“ für die Durchführung einer „Europa-Tag-Feier“ reserviert. Die Hauptstraße selbst, auf der jedes Jahr tausende Moldauer zum Gedenken an den Sieg über den Faschismus marschieren,  ist fast leer.

Stattdessen stehen viele Menschen auf dem Bürgersteig. Sie tragen sowjetische Symbolik mit sich, rote Sterne auf Militärkappen, rote Fahnen, das schwarz-orange Sankt-Georgs-Band. Sie alle haben sich am frühen Morgen bereits um den Triumphbogen versammelt, um gemeinsam eine Gedenkstätte aufzusuchen, den Toten zu gedenken und die zahlreichen Kriegsveteranen zu ehren.

130 Kilometer nördlich von Chisinau, in meiner Heimatstadt Balti, wird hingegen der Tag des Sieges bewusst und geschlossen gefeiert. Heuer ist die Anzahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Jahresparade aufgrund der Ereignisse im Nachbarland noch größer als sonst. Die Bedeutung dieses Tages für die ehemaligen Völker der Sowjetunion hat an neuer Kraft gewonnen.

Einigendes Gefühl

Es ist jetzt nicht nur der Sieg über den Faschismus, nicht nur der Stolz auf die sowjetische Vergangenheit, sondern auch ein Gefühl der Gemeinsamkeit, des Mitleides, der Toleranz. Man lächelt, gratuliert einander und wünscht sich eigentlich nur eines: Frieden. Der gemeinsame Sieg unserer Großväter und Großmütter bleibt für unsere Völker identitätsbildend und damit auch eine bedeutende gemeinschaftliche Grundlage für das gegenwärtige Leben und die zukünftige Entwicklung.

Besonders in der heutigen Zeit, in der ein großer Teil der Bevölkerung von Orientierungslosigkeit und Frustration betroffen ist, kommt der Rückbesinnung auf die Vergangenheit eine herausragende Bedeutung zu. Im Kampf gegen den Nationalsozialismus hatte die sowjetische Nation ein übergeordnetes, einigendes Ziel. Der Tag des Sieges ist sozusagen der Kulminationspunkt dieser Rückbesinnung auf eine Zeit, die zwar entbehrungs- und verlustreich war, aber mit einem großen Sieg abgeschlossen wurde.

Die Schmerzen, Zerstörungen und das Leid waren gewaltig, die Opferzahlen waren riesig. Dies darf sich nie wieder wiederholen, und deswegen müssen wir die Geschichte in unserem Gedächtnis aufrechthalten, unseren Kindern davon erzählen. Wir müssen aus der Geschichte lernen und unseren Beitrag dazu leisten, dass ein solcher Krieg nie wieder geführt werden muss. „Keiner ist vergessen, nichts ist vergessen“: Ein Feiertag „mit Tränen in den Augen“. Diese Zeilen aus einem beliebten sowjetischen Lied der Kriegszeit sind heute mehr als aktuell.

Tamara Arnaut lebt in Balti, sie arbeitet dort als Deutschlehrerin am Gogol-Lyzeum. Für Feuilletonsern.at gewährt sie regelmäßige Einblicke in ein in Europa relativ unbekanntes und in den Medien kaum vorkommendes Land: Moldawien. Eine Übersicht über Ihre Gastbeiträge findet man hier.

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