Moldawien – Fehlendes Puzzleteil

Tamara Arnaut (26) kommt aus Balti, Moldawien. Als Absolventin der Fremdsprachenfakultät (Deutsch und Englisch, vor kurzem Masterstudium Englisch) ist sie zur Zeit als Deutschlehrerin am Gogol-Lyzeum in Balti tätig. Sie ist darum bemüht, ihre SchülerInnen während ihrer Entwicklung zu freidenkenden und selbstverantwortlichen Menschen zu begleiten. Für Feuilletonsern.at schrieb sie einen Kommentar über Streiks und Demonstrationen in Moldawien – die Entscheidung EU/Russland spaltet das Volk.

„Moldawien? Wo liegt dieses Land? Was ist eigentlich Moldawien?“ – Während Aufenthalte im Ausland habe ich viele Menschen getroffen, die von Moldawien, wenn überhaupt, nur ansatzweise gehört haben. Dennoch scheiterte es meistens an geographischen Unwissen.

Zur großen Überraschung führt meistens die Tatsache, dass das Land sich sogar in Europa befindet. Der ärmste Staat Europas und gleichzeitig eine wirklich großzügige Nation, eine Nation mit einer breiten Seele, so spricht man über uns. Obwohl das Land gar nicht am­bi­ti­o­niert ist, verkörpert es bestimmte Interessen für zwei großen Machthaber – die EU und Russland, beide wollen uns unbedingt an ihrer Seite haben.

Was macht uns also so interessant? Reiche Bodenschätze, natürliche Lebensmittel, niedrigbezahlte Arbeitskräfte, das Territorium selbst oder noch etwas?!

Letztens stand ich mitten auf dem zentralen Platz in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldawien, und habe ein historisches Ereignis miterlebt: Die Reaktion der Bevölkerung auf das Abkommen über die Visa-Liberalisierung mit der EU in Vilnius. Von beiden Seiten der Straße rückten Menschenmengen heran, eine blaue Hälfte mit EU-Fahnen und eine andere, rote Hälfte mit kommunistischen Fahnen.

Dabei habe ich versucht, neutral zu bleiben und nach den Meinungen der Menschen zu fragen. Die Gruppe der Studenten, die die gegebene Situation unterschiedlich wahrnehmen, geben auf meine Frage, warum sie heute da sind, eine klare Antwort: „Wir wollen nach Europa, wir wollen gutbezahlte Arbeitsplätze, sichere Zukunft für uns und unsere Kinder…!“ Von der kommunistischen Seite konnte man fast dieselben Worte hören, nur mit dem Unterschied dass der Wohltäter Russland sei. Dennoch blieb die Mehrheit der Anwesenden auf der neutralen Seite und konnte die Frage nicht beantworten.

Laut Statistikangaben ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Integration mit der Europäischen Union. Die überwiegenden Gründe dafür sind die günstigen Preise für das russische Gas sowie die Möglichkeit eine Zollunion mit anderen GUS-Staaten zu bilden. Erst vor Kurzem hörte ich von zwei Kollegen: „Moldawien nähert sich schon der EU.“ Die Antwort dazu war metaphorisch: „Moldawien geht seinen langen Weg nach nirgendwo.“

Der Weg nach Europa kann nur durch den Kampf gegen die Korruption, durch die Bildung eines gerechten Justizsystems, auf dessen Grundlage die Gesetze tatsächlich gelten (und nicht nur auf dem Papier stehen), durch eine radikale Reform des Bildungs- und Gesundheitswesens und durch die Stimulation der wirtschaftlichen Entwicklung verwirklicht werden.

Dafür muss noch vieles getan werden. Doch wozu muss man sich anstrengen, wenn es leichter ist, ein Podium zu besteigen und eine nichtssagende Rede im gehobenen Stil zu halten? Wenn man nämlich genauer zuhört beinhalten diese Reden nur Unsinn, wie z.B. „Moldova gehört zu Europa…“. Aber Moldawien gehört nur uns – dem moldauischen Volk!

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