momentaufnahme: der hitler

Vor einiger Zeit in einem Grazer Lokal. Ich bekomme mit, wie jemand ungeniert Adolf Hitler grüßt. Heute bin ich wieder dort. Eine Momentaufnahme.

Es ist nicht so verraucht, wie sonst immer. Vier Gestalten hängen an der Bar. Der Chef dahinter. Sie trinken Wein und Bier.

Der Schärf, der hat im gleichen Jahr und am gleichen Tag Geburtstag wie der Hitler. Ich schwör.

Sicher? Der ist auch ein 89er? Haha. Wie der Hitler. Der hat ja heute Geburtstag.

Ja. Wie der Schärf.

Man nippt am Bier. Oder am Weißwein. Der Eine fährt sich durchs lange, graue Haar. Dann beginnt er wieder zu sprechen. Laut und dröhnend.

Der Schärf. Der Bundespräsident.

Adolf Schärf hat der ja geheißen.

Wieder lachen alle. So ein Zufall. Im gleichen Jahr geboren, am gleichen Tag, dann noch den gleichen Vornamen. Der Eine fährt sich durchs lange, graue Haar. Der Chef zapft noch ein großes Bier ab. Der Schaum tropft.

Dann kam der Kirchschläger.

Nein nein, 63 war nicht der Rudolf. Da war der Jonas. Für den stand ich am Bahnhof und habe gesungen. In der Volksschule war ich damals.

Das war im selben Jahr, wo sie die Eisenbahn elektrisiert haben.

Der Eine fährt sich durchs lange, graue Haar, und steht auf. Er erhebt die Stimme.

Ich war Eisenbahner. Ich hätte das gewusst. Damals war die Eisenbahn schon elektrisiert.

Der Chef bringt das Bier. Der Andere dankt, nimmt einen Schluck, und spricht dann dagegen.

Nein. In dem Jahr fuhr ich von Frohnleiten nach Graz noch mit Dampf. 64 war es. Damals gab es auch noch einen Salonwagen. Da war der Jonas drin. Für den er gesungen hat, am Bahnhof.

Der Genannte schreckt hoch. Nickt. Hebt den Arm.

Ich war in der dritten Klasse Volksschule damals. Da haben wir gesungen. Es war im Mai.

Der Chef mischt sich ein.

Da haben’s den Kennedy erschossen.

Das war 63. Nein, da haben sie die Bahn schon elektrifiziert.

Der Älteste an der Bar sagt zum ersten Mal etwas. Er spricht noch lauter als alle anderen.

Ich kann nicht mitreden. Ich bin damals nie mit dem Zug gefahren. Aber wenn ich in Graz war, dann war ich beim Kastner und Öhler damals.

Er wird noch lauter. Die anderen scharen sich um ihn. Er leckt sich die Lippen. In der rechten Hand das Weinglas.

Meine Meinung: Wenn es den Kastner nicht gegeben hätte, dann wäre die ganze Innenstadt niemals so berühmt geworden. Ohne die Innenstadt wäre nix daraus geworden aus dieser Stadt. Nix! Ende der Durchsage.

Die letzen Worte hat er fast gebrüllt. Ein Neuer betritt die Bar. Er wird von den anderen begrüßt, schickt aber gleich etwas voraus.

Ich bin angesoffen. Das tut mir leid.

Macht nix, meint der Eine mit den langen, grauen Haaren. Besser als Fieber. Sind wir ja eh alle.

Vorhang.

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