Mut zum Unterschied

Ausgehend von Äußerungen eines Redaktionsbesuchs beim DER STANDARD in Wien überlegte ich mir, wie sehr sich Online- und Printredaktionen voneinander unterscheiden müssen – und medienwirtschaftliche Besonderheiten beeinflussen können. Ein Essay mit einer Prise Pflichtliteratur und Eigenrecherche.

Im Jahr 2050, so der renommierte Zukunftsforscher Dr. Ulrich Eberl, werden Menschen Zeitung auf einer Folie, die man ständig mit sich tragen kann, lesen. Auf dieser Folie werden sich stets aktuelle und ihren Bedürfnissen gerecht werdenden zusammengestellte Themen finden. JournalistInnen und RedakteurInnen werden nicht arbeitslos, müssten aber noch mehr als heute multimedial arbeiten.

Dem völligen Verschwinden von Printzeitungen hält Kommunikationswissenschafter Klaus Meier entgegen, dass vor allem „der crossmediale Journalismus in integrierten Print-Online-Redaktionen nach wie vor ein tragfähiges Konzept“ sei, um „Print-Marken in die digitale Zukunft zu führen“. Weiters führt er in seinem Beitrag „Journalismus in der Krise“ an, dass ein Journalismus, der unterschiedliche Wege zum Publikum beschreitet, zum Kerngeschäft von Zeitungsverlägen wird. Dies verlangt allerdings, dass sich Online-Journalismus nach anderen Konzepten und Arbeitsweisen ausrichtet als der gängige Print-Journalismus (vgl. Klaus Meier, „Journalismus in der Krise“, in: Journalismus lehren, Hg. Gabriele Hooffacker, Verlag Dr. Gabriele Hooffacker, München 2010).

Print und Online – ein Unterschied muss gegeben sein

Betrachtet man Print und Online, so fällt einem zunächst etwas ganz Banales ins Auge: Gedruckte und digitale Produkte unterscheiden sich. Beide funktionieren unterschiedlichst. Gedruckt hat den Anspruch, komprimiert und dennoch ausreichend Information zu vermitteln. Digital darf diesem Anspruch ebenfalls gerecht werden, kann jedoch durch multimediale Erweiterungen noch mehr an Information bereit halten.

Gedruckt wird einmal täglich genutzt, Digital rund um die Uhr. Weiters wird einer Zeitung immer mehr die Aufgabe zugeordnet, aus  Informationen jene herauszufiltern, die gute, ansprechende und interessante Inhalte inne haben. Dies ist natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass Zeitungen nebst dem Internet einfach nicht mehr aktuell sein können. So werden andere, neue Wege gesucht, um den „Kampf“ gegen Online nicht zu vollends zu verlieren. Die Funktion der Verbreitung von Information tritt also für das Printprodukt weit in den Hintergrund – Online übernimmt hierbei gekonnt.

Eine gemeinsame Print- und Onlineredaktion stellt diese Unterschiedlichkeit vor zahlreichen, mal mehr oder weniger schwierigen Aufgaben. Dass eine Online-Redaktion einen Text der Print-Redaktion ohne Veränderung und Anpassung übernehmen kann, ist durchaus möglich, wie auch umgekehrt. Manche Redaktionen tun sich hierbei sehr leicht, oft jedoch auf Kosten der Qualität.

Eine zweigleisige Verwendung von ein und denselben Produkt mag vielleicht ab und zu funktionieren. Auf längere Sicht gesehen jedoch erfordert jede Schiene Veränderungen, Modifikationen, sowohl Erweiterung als auch Komprimierung. LeserInnen fordern teilweise das Bedienen beider Kanäle, formulieren jedoch im selben Atemzug den Wunsch, auf dem einen noch mehr Informationen präsentiert zu bekommen.

Redaktionen müssen sich also bewusst sein, dass der Vertrieb eines Produktes auf unterschiedliche Kanäle wie Web, Tablet und Print durchaus angepasst erfolgen muss. Für Redaktionen selbst, so Gerlinde Hinterleitner, Vertragsleiterin Online in der STANDARD-Gruppe, besteht die Kunst darin, einen „gewissen Egoismus“ zu erhalten. Dass keine der beiden ehemals selbstständigen Redaktionen Print und Online sich benachteiligt fühlen, gleichberechtigt zum Zug kommen.

Meines Erachtens ist die anfangs betrachtete Unterschiedlichkeit von Online- und Printredaktionen ein Muss. Nur mit dem Hang zur Unterschiedlichkeit und nicht unbedingt mit einem Bewahren alter Richtlinien kann eine gemischte Redaktion höchste Qualität bringen. Sehr positiv würde ich eine Entwicklung von Zeitungen sehen, in der sich der Print auf qualitative, hochwertige Beiträge konzentriert, während Online immer mehr auf erwerbswirtschaftliche Ziele umsattelt.

Medienwirtschaftliche Besonderheiten – pure Beeinflussung

Digitale Angebote bestehen zusätzlich aus dem Zusammenschluss von Content, Werbemarkt und Kooperationen – dies erfordert natürlich eine Teilung zwischen Print- und Online im Bereich der Wirtschaft und Finanzierung. Manch Redaktionsleiter geht schon davon aus, dass künftige Grenzen im Journalismus nicht mehr durch Print und Online definiert werden, sondern durch „pay“ und „free“.

Rainer Schüller, stellvertretender Chefredakteur bei DER STANDARD, bestätigt, dass weltweit Printabozahlen fallen, während die Onlinezahlen steigen, meint jedoch, dass DER STANDARD „blöd wäre, Print fallen zu lassen“. So entschloss man sich beim STANDARD dazu, eine Kompakt-Version der eigentlichen Zeitung herauszugeben, um nochmals Leserbindungen zu steigern. Was Online angeht sieht man von Paid Content-Versuchen ab – noch. Schüller verweist auf das Ärgernis mit im Browser installierbaren Werbeblockern. Jene führen nämlich dazu, dass 1/3 der BesucherInnen von DERSTANDARD.AT keine Werbung sehen, und somit dem STANDARD wichtige Einnahmen nehmen.

Schüller spricht damit Probleme an, die eigentlich der medienwirtschaftlichen Besonderheit, mit einem Produkt auf zwei Ebenen tätig zu sein, entspringen, und bedienen hierbei auch Zielsysteme in der Medienwirtschaft: Mit einer weiteren Print-Version der Zeitung versucht man, trotz sinkender Leserschaft, die Reichweite zu erhöhen, somit erfüllt man ein strategisches Ziel, unter anderem das der Wettbewerbsfähigkeit. Online überlegt man die Sicherung der werblichen Einnahmen, folgt ertragswirtschaftlichen Zielen, wie der Gewinnmaximierung.

Nicht-Rivalität und Nicht-Ausschließbarkeit

Das öffentliche Gut der Information, dem sich beide, sowohl Online als auch Print, bedienen, definiert sich eigentlich über Nicht-Rivalität im Konsum und einer Nicht-Ausschließbarkeit. Der Konsum eines Artikels Online schränkt niemanden in seinem Konsum ein, während bei Print der Konsum einer Zeitung theoretisch schon als einschränkend zu verstehen ist (das Lesen der gleichen Ausgabe ist natürlich aufgrund der Auflagenzahl möglich, das gleichzeitige Lesen der gleichen Zeitung eher ungewöhnlich).

Hierbei hat es jedoch der Online-Bereich schwerer: durch die Digitalisierung wird die Ausschließbarkeit heftigst erschwert. Die durchgängige Meinung der Leserschaft, dass Information im Netz durchaus erwünscht, aber sicher nicht bezahlt wird, führt oft dazu, dass durch künstlichen Ausschluss (unter anderem Paid Content) Entrüstungs- und Ablehnungswellen über das jeweilige Medium hinwegfegen. Aus den Äußerungen der Vortragenden von DER STANDARD bei einem Redaktionsbesuch schien man, was den künstlichen Ausschluss betrifft, eher Scheu und Unsicherheit herauszuhören.

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