Oktober November

Manches passiert einem halt.“ Nach 5 langen Jahren des Wartens läuft dieser Tage mit „Oktober November“ der erste Spielfilm von Götz Spielmann seit dem vielfach ausgezeichnetem Streifen „Revanche“ in Österreichs Lichtspieltheatern. Ist mit diesem Film tatsächlich viel passiert? Eine Filmbesprechung eines Spielmann-Verehrers und begeisterten Dilettanten der österreichischen Filmgeschichte.

Manches passiert einem halt.“ Der Filmplot ist recht schnell erzählt. Ein nach einem Herzinfarkt rekonvaleszenter Patriarch (Peter Simonischek)  eines stillgelegten Alpengasthofes versammelt in seinen letzten Tagen seine Töchter um sich. Sonja, in Deutschland als Schauspielerin gefeiert wiewohl innerlich wenig gefestigt (Nora von Waldstätten) und Verena, beim Vater und im Dorf verbliebene Hausfrau und Mutter (Ursula Strauss), ergehen sich im Angesicht des nahenden Todes des Vaters in Diskussionen rund um ihre Lebensentwürfe. Die prominent besetzten Nebenfiguren – Hannes Zeiler als Ehemann von Verena und Sebastian Koch als Arzt des Vaters und geheimer Liebhaber von Tochter Verena – vertiefen den 114 Minuten andauernden Filmdiskurs zum Thema Sterben im Familienkreis.

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Manches passiert einem halt“ gibt der Vater seiner Tochter Sonja mit auf den Lebensweg, als diese herausfindet, dass sie einer Urlaubsliason der längst verstorbenen Mutter mit einem Gast entsprungen ist. Aber sonst passiert in diesem Film reichlich wenig. Kameramann Martin Gschlacht fängt wie bereits in Revanche großartige Bilder eines ländlichen Österreichs ein. Peter Simonischek wirkt als bäuerliches Familienoberhaupt im Angesicht des Todes überzeugend. Aber davon abgesehen ist „Oktober November“ – wie auch schon der Titel verrät – nicht Fisch und nicht Fleisch.

Manches passiert einem halt.“ Und so scheint Ursula Strauss als Portagonistin in „Oktober November“ dort fortzusetzen, wo sie in „Revanche“ aufgehört hat und gefällt in der ihr auf den Leib geschnittenen Rolle einer vom Leben nicht gerade verwöhnten Hausfrau am Land. Sebastian Koch ist als einsamer, intellektueller Landarzt ungefähr so überzeugend und ritterlich unterwegs wie Harald Krassnitzer im „Bergdoktor“. Und Johannes Zeiler (famos im russischen „Faust“ von Alexander Sokurov 2011) mimt einen braven sowie ganz und gar undiabolischen Ehemann. Dessen wichtigster Sprechbeitrag besteht indes im Satz „Man bemüht sich halt. Das tut eh ein jeder“.

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Man bemüht sich halt.“ Der Film wirkt auch tatsächlich bemüht. An den Bildern und an der Sensibilität, mit der sich Götz Spielmann an ein wichtiges, weil kaum offen besprochenes Thema heranwagt, ist nicht das geringste auszusetzen. Daran, dass zentrale Szenen wie Versatzstücke aus Revanche wirken hingegen schon. Und so begegnet man sich im „Oktober November“ auf einem Bankerl an einem See im Wald, wobei ein Windstoß wenig überraschend von rechts rauschend über das Wasser fährt. Die Pfade der Liebe führen durch einen herbstlichen Wald, für den Stadt-Land-Kontrast sorgen diesmal nicht Wien und ein Ort in Niederösterreich, sondern Berlin und ein Bergdorf.

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Nur mit dem Tod der Hauptfigur verhält es sich anders als mit dem von Tamara in Revanche. Denn sogar als geneigter Zuseher sehnt man spätestens ab der Filmhalbzeit den Tod des Vaters und das damit zu antizipierende Filmende herbei. Nicht aus Pietätlosigkeit, sondern einzig und allein auf Grund von mangelnder inhaltlicher Dichte sei erwähnt, dass das Ableben des Vaters so erlösend wirkt, wie das von Milla Jovovich als Johanna von Orleans am Scheiterhaufen im gleichnamigen Film von Luc Besson aus dem Jahr 1999. Dass der Vater stirbt, zeichnet sich indes sehr früh ab. Und ist jedem aufmerksamen Beobachter klar, der schon einmal von Rachenschmerzen geplagt wurde: der vermeintliche Inhalator gegen die Herzbeschwerden ist bei näherem Hinschauen unschwer als Tandum-Verde-Rachenspray zu erkennen.

Man hat sich halt nicht sehr bemüht und viel ist halt nicht passiert“ lautet das Fazit zu diesem lang erwarteten Film mit vielen Längen und vielen Vorschusslorbeeren angelaufenen Film. Im Unterschied zu „Revanche“ lädt „Oktober November“ aber weder zum genauen Hinschauen noch zum langen Nachdenken ein.

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Clemens Tonsern, Autor der Kolumne „brudersenf“,  ist Universitätsassistent für deutschsprachige Literaturgeschichte und schreibt für Feuilletonsern.at eine liederliche Garnierung von Welt, Literatur und Film.

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