Orwell 2014

Stehen die zu Tage gekommenen Ereignisse im Restaurant Plachutta nicht stellvertretend für eine ganze Branche an diskriminierenden unerträglichen Dienstverhältnissen? An die heutige Zeit angepasste Zitate des großen George Orwell – die vielleicht passender nicht sein könnten.

„Was den Wert eines Mitarbeiters im Gastronomiebereich ausmacht, möchte ich gerne nach meiner Meinung sagen. Wenn man sich darüber Gedanken macht, ist es eigentlich seltsam, dass Tausende von Menschen in großen und modernen Städten ihren Alltag damit verbringen müssen, für Restaurants und Lokale zu schuften. Die Frage, die sich stellt, ist doch diese: Warum geht solch ein Leben eigentlich immer weiter – welchen Sinn es erfüllt, und wem eigentlich daran gelegen sein kann, dass man es weiterführt, und warum ist das so? Dabei will ich keineswegs die nur rebellische, fainéant-Position einnehmen. Ich versuche lediglich, mir über die soziale Bedeutung solch eines Lebens klarzuwerden.

Ich glaube, man sollte mit der Feststellung beginnen, dass ein Mitarbeiter ein typischer Sklave der modernen Zeit ist. Nicht, dass man irgendeinen Grund hätte, ihn zu beklagen, denn es geht ihm doch besser als manch einem manuellen Arbeiter, und dennoch ist er kaum freier als ein Mensch, der ge- und verkauft wird. Seine Arbeit ist servil und unkünstlerisch; er bekommt gerade soviel Geld, dass er sich am Leben halten kann; sein einziger Urlaub ist die Entlassung. Zu heiraten, ist ihm unmöglich, es sei denn, seine Frau arbeitet auch. Außer durch einen glücklichen Zufall hat er keine Möglichkeit, diesem seinem Leben zu entkommen – es sei denn im Gefängnis. In diesem Augenblick, in dem Sie das von mir Gesagte verändert aufschreiben, schuften Leute mit akademischen Auszeichnungen zehn oder gar fünfzehn Stunden lang, tagaus, tagein.

Man kann nicht sagen, dass es sich bei ihnen um bloße Trägheit handelte. Sie sind ganz einfach einer Routine ins Netz gegangen, die jeden Gedanken im Keim erstickt. Denn wenn solche Mitarbeiter überhaupt denken könnten, dann würden sie eine Gewerkschaft formieren und für bessere Arbeitsverhältnisse in den Ausstand gehen. Aber sie denken nicht, weil sie dafür keine Freiräume haben; ihr Leben hat Sklaven aus ihnen gemacht.

Arbeit ist ein Bestandteil der Zivilisation und kann darum nicht in Frage gestellt werden

Die Frage erhebt sich, warum diese Sklaverei überhaupt noch immer so weitergeht? Die Leute besitzen die Art, es für ausgemacht anzusehen, dass jede Arbeit aus einem vernünftigen Grund geleistet wird. Sie sehen, wie jemand anderes eine total unverständliche Arbeit ausführt und sind der Ansicht, die Probleme dadurch gelöst zu haben, dass sie sagen, dieser oder jener Job sei eben notwendig. Die Untertagearbeit im Bergwerk zum Beispiel ist harte Arbeit, aber sie ist notwendig, denn wir brauchen Kohle. Die Arbeit in den Kloaken ist häßlich, aber es muss Leute geben, die in der Kloake arbeiten. Und ebenso ist das mit der Arbeit der Kellner und Kellnerinnen, der Gehilfen und Gehilfinnen, der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Es muss Menschen geben, die in Restaurants essen, also muss es andere geben, die achtzig Stunden pro Woche Teller sauber machen. Die Arbeit ist ein Bestandteil der Zivilisation und kann darum nicht in Frage gestellt werden. Diesen Punkt sollte man bedenken.

Solch ein Mitarbeiter ist der Sklave eines Hotels oder Restaurants, und sein Sklavendasein ist mehr oder minder unnötig. Denn wo liegt letzten Endes der wirkliche Nutzen großer Hotels oder eleganter Restaurants? Sie sollen Luxus vermitteln, aber in Wirklichkeit liefern sie nur einen billigen, wertlosen Abklatsch. Fast jeder hasst Hotels. Einige Restaurants sind besser als andere, aber es ist ein Ding der Unmöglichkeit, in einem Restaurant eine Mahlzeit zu bekommen, die man –für den gleichen Preis- nicht auch am privaten Tisch bekommen könnte. Ohne Frage: Es muss Hotels und Restaurants geben, aber es muss keineswegs sein, dass sie Hunderte von Menschen versklaven. Deren Arbeit macht nämlich nicht das Wesentliche aus; es ist ganz einfach der Schwindel, der dazu da ist, Luxus zu vermitteln.

Die Angst vor dem Pöbel

Ich glaube, dass dieser Instinkt, unsinnige Arbeit immerwährend weiter zu erhalten, im Grunde der Angst vor dem Pöbel entspringt. Der Pöbel, so wird angenommen, bestünde aus solch niederen Tieren, dass diese gefährlich werden könnten, wenn sie nichts zu tun hätten; es sei mithin sicherer, sie zu beschäftigen, als sie auf dumme Gedanken kommen zu lassen. Ein reicher Mensch, der zufällig auch noch intellektuell aufrichtig ist, sagt, wenn man ihn zu dem Problem der zu verbessernden Arbeitsbedingungen befragt, für gewöhnlich etwa Folgendes:

„Wir alle wissen, dass Armut nichts Schönes ist; tatsächlich zermartern wir uns, weil sie für uns so weit entfernt ist, bei dem Gedanken an ihre Hässlichkeit. Aber erwarten Sie nicht, dass wir irgendetwas dagegen zu tun gedenken. Wir empfinden für Euch niedere Klassen Bedauern, genauso, wie wir Bedauern für eine räudige Katze empfinden, aber wir werden wie die Berserker gegen jede Verbesserung Eurer Verhältnisse kämpfen. Wir spüren, dass Ihr viel sicherer so seid, wie Ihr jetzt seid. Der gegenwärtige Zustand gefällt uns, und wir werden nicht das Risiko eingehen, Euch zu befreien, noch nicht einmal durch eine Stunde mehr Freizeit am Tag. Also, liebe Brüder, da es klar ist, dass ihr schwitzen müsst, um unsere Reisen nach Italien zu finanzieren, schwitzt weiter so und fügt euch der Verdammung.“

Zusammengefasst: Ein Mitarbeiter ist ein Sklave, und zwar ein völlig verschwendeter Sklave, der dumme und weitgehend unnötige Arbeit verrichtet. Man hält ihn bei der Arbeit, weil man letztlich eine vage Angst davor hat, dass er gefährlich werden könnte, wenn man ihm Freizeit zugestünde. Und gebildete Menschen, die eigentlich auf seiner Seite stehen sollten, nehmen diesen Prozess ruhig hin, weil sie gar nichts über ihn wissen und eben deshalb Angst vor ihm haben.“

Veränderte Textpassagen entnommen aus: „Erledigt in Paris“, S. 103; in: Die besten Geschichten von George Orwell, herausgegeben von Christian Strich, diogenes Verlag, Zürich 1984

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