Propellerkind, flieg geschwind

Das leuchtende Etwas schraubt sich immer höher, fünf, zehn, sicher fünfzehn Meter hoch, kurz ein roter, ein blauer, ein abwechselnd blinkender Stern am Nachthimmel, dann setzt der Propeller zum Sinkflug an, am Hauptplatz des kleinen kroatischen Städtchens. Inmitten der Massen an Touristen fällt das Spielzeug zu Boden, ehe es wieder aufgehoben wird. Der Junge ist klein und schmal, seine Augen stehen etwas weit auseinander, die Haut ist braun wie Leder. Seine schwarzen Haare hängen ihm ins Gesicht, ein rotes Tank-Top zeigt die kindlich schmalen Oberarme.

Er steckt den Propeller wieder in seine Schleuder, hebt jene und zieht voll durch, der farbenprächtige Plastikpropeller zischt wieder in die Luft. Er blickt ihm nicht einmal nach, nur starr ins Nichts, und wie er blickt – ja, wie lässt sich sein Blick wohl am besten deuten. Es ist eine Mischung aus Langeweile, Erschöpfung und Abstumpfung. Eine Frau, womöglich die Mutter, steht in der Nähe hinter einem Tischchen, voll mit Kaskaden künstlichen Lichtes, eingeschlossen in billiges Plastik, gegossen in kindlich-ansprechende Formen. Eltern stehen mit ihren gaffenden, haben wollenden Kindern drum herum, da schießt der Junge erneut.

Das Spielzeug steigt, höher und höher, so hoch wie wohl noch nie, doch es fliegt schief herab und geht irgendwo zwischen den Massen hernieder. Zwischen betrunkenen, lauten Deutschen, den alkoholgesichtigen und mit Schminke bedeckten Kroaten, den sonstigen Jippi-Jeah-Menschen mit Zuckerwatte, gezeichneten Porträts und Tattoos, die in drei Tagen wieder von der Haut abfallen.

Jetzt regt sich etwas im Gesicht des Jungen. Es ist Sorge. Die Sorge, dass jemand das Spielzeug wegnimmt, ohne die paar Kuna dafür auszugeben. Er läuft hin, drängt seine gleichaltrigen Genossen beiseite, die belustigt ob der Lichter die eisverschmierten Münder verziehen, und findet zum Glück den Vorzeige-Propeller. Ehe die Pensionisten, glückselig mit Luftballonen für die Enkerl wachelnd, darauf- und es kaputtsteigen.

Diesmal blickt er in die Luft, holt mit seiner Schleuder, die übrigens weitaus größer ist als jene, die verkauft werden, weit aus, schießt. Die Musik, die über den Hauptplatz hallt, setzt aus, Applaus setzt ein, die Musiker trinken einen Schluck vom gereichten Wein, der Junge blickt starr nach oben, der Propeller fliegt. Setzt zur Rückreise an. Landet auf einem riesigen Sonnenschirm eines Restaurants. Es blinkt nun farbenfroh durch die weiße Plane des Schirms, der Junge hebt die Schultern an und geht zum Tischchen zurück, neue Munition holen. Die Musik geht weiter. Ein neuer Propeller steigt hoch.

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