Sein miar Nazibuam?

Eher selten im öffentlichen Diskurs, rückt jetzt aufgrund des „landesüblichen Empfangs“ in Tirol die braune Vergangenheit mancher Musikstücke und deren Komponisten in den Blickpunkt der Öffentlichkeiten. Nur Musik oder doch irgendwie Verbreitung ewiggestrigen Gedankenguts?

Der „Standschützen-Marsch“. Pfiffiger Beginn, netter Mittelteil, lässiges Trio. In meiner Musikkapelle gehört der Marsch zu jenen Stücken, die nicht oft gespielt werden, und wenn, dann nur zu runden Geburtstagen von Mitgliedern. Der Komponist Sepp Tanzer ist uns allen wohl bekannt – als immerwiederkehrender Komponist in unserem Marschbuch. „Tanzer, ja, der hat viele Märsche geschrieben“, meint unser Ehrenobmann und mein Sitznachbar im tiefen Blech, „aber wegen dem Marsch „Heil Hitler“ schreien tut keiner.“

Hellau! Miar sein Nazibuam

Der „Standschützen-Marsch“ wurde, wie auch der Standard schreibt, auf Grundlage eines Tiroler Volksliedes („Hellau! Miar sein  Tirolerbuam“) von Sepp Tanzer geschrieben. Tanzer trat im Juli 1938 der NSDAP bei, als „logische Notwendigkeit“, da er das Amt eines Kapellmeisters bekleidete. Zuvor allerdings war er bereits Mitglied in der austrofaschistischen Vaterländischen Front.

Nach mehreren Aufstiegen leitete er das Referat Volksmusik in der Reichsmusikkammer, wurde 1944 schließlich zum Kriegsdienst nach Jugoslawien eingezogen und kehrte nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1946 nach Tirol zurück.

Nach 1945 war Tanzer mit dreijährigen Auftrittsverbot belegt. Dies hinderte ihn aber nicht daran, weiterhin nationalsozialistische Geheimbotschaften in seinen Werken zu verstecken. Der „Standschützen-Marsch“ wurde dem NS-Gauleiter Franz Hofer gewidmet. Dass Tanzer eine derart braune Vergangenheit hatte, war nicht nur dem ehemaligen Kultur-Landesrat Erwin Koler (ÖVP) im Jahr 2008 fremd.

Märsche verbieten?

Doch was nun? Das gesamte musikalische Werk des Tirolers verbieten? Geht es nach dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platterer (ÖVP), dann sicherlich nicht. „Ich lasse mir Tiroler Brauchtum und Tradition und insbesondere unsere Traditions- und Trachtenverbände nicht kriminalisieren.“ lässt er ausrichten, er, der zufälligerweise auch Präsident des Tiroler Blasmusikverbandes ist.

Der Österreichische Blasmusikverband hält weiterhin an dem großen Gesamtwerk von Sepp Tanzer fest:

Es geht dabei nicht um Verurteilung, sondern um die Findung einer differenzierten Betrachtungsweise: Sepp Tanzers Verdienste um die Entwicklung der Blasmusik in Tirol und als Musiker stehen für sich (…).

Den Standschützen-Marsch werde ich wohl weiterhin mit der Tuba begleiten, werden auch weiterhin meine Kollegen einschlagen und musizieren. Wünschenswert wäre jedoch, dass dies in Zukunft unter Bekanntgabe der Nazi-Vergangenheit des Komponisten geschieht – dass es eben nicht dabei bleibt, dies zu vergessen, die Stücke nur als Musik ohne politischen Hintergrund abzutun.

Nachtrag: Andrea Stangl ergänzte diesen wertvollen Hinweis: Markus Wilhelm schrieb als Erster auf der Seite dietiwag.org über die braune Vergangenheit von Tanzer und der politischen Message des „Standschützen-Marsches“, die es sehr wohl gibt.

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