Sich bemühen, das richtige zu tun

Die SPÖ-„Sektion Mur“, medial bekannt durch Döner für Arme, organisierte gestern einen Abend rund um Dschihadismus: Ursprung, Gegenwart, Zukunft in Graz. Eine Veranstaltung über radikale Strömungen, unnötige Ängste und friedliche Religionsausübung.

Kalt war’s draußen, wenig Platz war drinnen: Mit so einem großem Anlauf rechneten die Organisatoren offensichtlich nicht. Der Lendpavillion platze aus vollen Nähten. Am Podium nahmen neben Karl Prenner (Institut für Religionswissenschaft), Kerem Öktem (Zentrum für Südosteuropastudien), Bassem Asker (Islamische Glaubensgemeinschaft Steiermark) und Dudu Kücükgöl (Muslimische Jugend Österreich) Platz, moderiert wurde die Veranstaltung von Claudia Gigler (Kleine Zeitung). Am Programm stand motiviert der Versuch, die sozio-kulturelle Entstehungsgeschichte des Begriffes „Dschihadismus“ aufzuzeigen.

Dennoch sollte es mehr als eine Stunde dauern, bis man von Bassem Asker die so wichtige Erklärung vernahm, dass „Dschihadismus“ keinesfalls „Heiliger Krieg“ heißt. Ursprünglich „sich bemühen, das richtige zu tun“ bedeutend, unterlag der Begriff einem schädlichen Wandel. Asker bekräftigte wie auch andere im Raum mehrmals, dass „Dschihadismus“, Terror und Gewalt nichts mit dem Islam, einer Religion des Friedens, zu tun hätten. Vielmehr, und das erklärte Dudu Kücükgöl, sei durch Studien (unter anderem des britischen Geheimdienstes) bekannt, dass religiös sozialisierte Menschen von terroristischen Gedankengut viel weniger bedroht sind, als man vielleicht annehmen möge.

Radikale Strömungen treffen auf friedliche Religionsausübung

Als die Moderatorin Gigler in den Raum wirft, dass viele Menschen meinen, Muslime täten zu wenig gegen radikale Strömungen, kontert Kücükgöl gut: „Nach den furchtbaren Köpfungen durch die ISIS haben wir lange überlegt, ob wir uns zu etwas äußern sollen, mit dem wir eigentlich nichts zu tun haben.“ Die Atmosphäre empfand sie als aufgeheizt, ein wahrer Negativdiskurs kam ins Rollen. „Ich denke mir nur: Ist es nicht pervers, wenn mich jemand fragt, ob ich die Köpfungen eh nicht leiwand finde?“ Eine radikale Strömung und friedliche Religionsausübung ist eben nicht dasselbe. Auch die starke Ablehnung aus den muslimischen Reihen wurde medial zu wenig rezipiert: „120 eher konservative Gelehrte haben schon im Sommer einen Brief an einen IS-Leiter geschrieben. Die einzige österreichische Zeitung, die stellenweise den Brief druckte, waren die Salzburger Nachrichten.“

Die Antwort darauf, was man gegen eine Radikalisierung unternehmen könnte, war für Kücükgöl schnell beantwortet: „Mehr Geld in die Ursachenforschung und in Präventationsmaßnahmen stecken, anstatt in Panzer und Hubschrauber!“ Zudem müsse man sich die Gründe für Radikalisierungen ansehen: Laut Kücükgöl sind durchaus Muster und Mechanismen vorhanden, die dafür verantwortlich sind. „Ähnlich wie man sie bei Neonazis oder anderen Radikalen findet: Meist männlich, keine Zukunftsperspektiven, keine Arbeitsplätze und sich am Rande der Gesellschaft befindend.“ Auch Asker bekräftigt: „Die Probleme der Jugendlichen, die sich radikalem Gedankengut nähern, haben klassische Ursprünge.“ Dagegen unternehmen speziell muslimische Lehrer, vor allem im AHS-Bereich, das genaue Studieren von „kritischen“ Versen im Koran, die oftmals falsch interpretiert werden.

Grazer Ängste – unberechtigt

Ob man in Graz nun auch Angst vor Terrorismus und religiös-motivierten Anschlägen haben muss, sehen die Podiumsteilnehmer unterschiedlich. „Die Mehrheit der Gesellschaft hat Angst vor Terrorismus“, meinte Asker, „aber auch Muslime – da sie Teil der Gesellschaft sind.“ Kerem Öktem beruhigt: „Allgemeine Angst hat keinen realen Hintergrund. Was aber Fakt ist: Nach Charlie Hebdo wird es für Muslime hier in Europa sehr unangenehm werden.“ Österreich läge aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht im Visier terroristischer Anschläge. „Brennpunkte sind wo anders zu finden, zum Beispiel in Belgien. Aber eher nicht in Österreich.“

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