Sonnenschein

Vor genau einem Monat wurde in Gratkorn eine Gedenkstätte eröffnet. Eine Zusammenfassung:

Am 4. April 2016 ziehen die steirische Landesrätin Bettina Vollath, ein Gesandter des ungarischen Botschafters und die israelische Botschafterin in Gratkorn, direkt vor dem Gemeindeamt, an einem weißen Tuch. Sie enthüllen einen Gedenkstein. Graues Granit, schön geschliffen, viermal derselbe Satz, in vier verschiedenen Sprachen, hebräisch, ungarisch, englisch und deutsch. Blitzlichtgewitter, die Musikkapelle spielt die österreichische Hymne, die zahlreichen Gäste, sowohl Ehrengäste aus dem In- und Ausland als auch Gratkorner Bevölkerung erheben sich von ihren Plätzen, sind gerührt und bewegt. Die Sonne scheint.

Am 4. April 1945 gibt es in Graz mehrere Anhaltelager für entkräftete, abgemagerte und schwache Menschen: Tausende von ungarischen Juden, Männer und Frauen, die, ausgehend von Befestigungsbauten an der südlichen Front, durch Österreich getrieben werden. Heute sind diese Zwangsmärsche als „Todesmärsche“ bekannt – Kolonnen, die dahinmarschieren, bewacht von deutschen und österreichischen Soldaten, Angehörigen der Sturmabteilung (SA), der Schutzstaffel (SS), Polizei, Gendamerie, Volkssturm und Hitlerjugend. Wer nicht weiter kann, wer fällt, wer zu schwach ist, wird liegen gelassen, um irgendwann zu sterben oder bekommt eine Kugel, genau in den Kopf. An jenem Mittwoch setzen sich von den Anhaltelagern in Graz 6000 Häftlinge in Richtung Bruck an der Mur in Bewegung. Zumindest eine Kolonne wird auch durch Gratkorn getrieben. Auch damals schien die Sonne.

Bei Gratkorn gelingt es einigen Häftlingen zu fliehen. Sie laufen und humpeln davon, verstecken sich. Betteln bei Gratkornern um Nahrungsmittel, würgen rohe Kartoffeln hinunter. Die Flucht ist nicht von langer Dauer. In Gratkorn ist genau zu dieser Zeit eine Einheit der SS stationiert, die Waffen-SS Division „Wiking“, berühmt-berüchtigt für ihre Kriegsverbrechen. Die Soldaten sind geübt im Morden. Schnell spüren sie die Entflohenen auf. Die Gefangenen werden misshandelt, ermordet und verscharrt. Die Todesmarschkolonne maschiert weiter, die „Wiking“ ebenfalls. Als am Abend in Gratkorn die Sonne untergeht, befinden sich in den Ortsteilen Dult und Eggenfeld Massengräber. Eines wird die Polizei nach 1945 ausheben, das andere bleibt, wo es ist. Unberührt.

Im Sommer 2014 scheint in der Dult auch die Sonne. Zumindest an diesem einen Tag, wo ich mit meiner damaligen Nachbarin, einer alten Dame, im Garten sitze. Sie erzählt mir von vergangenen Tagen. Sie erzählt mir von lustigen Geschichten von längst verstorbenen Gratkornern. Sie erzählt mir vom Krieg. Sie erzählt vom 4. April 1945. Ich werde hellhörig. Treffe sie später noch einmal, interviewe sie sehr lange. Ich beginne zu recherchieren, erstelle mithilfe meines Studiums eine multimediale Reportage über die Massaker. Der Reportage entspringt im November 2014 eine Gedenkveranstaltung. „Warum erst jetzt?“, werde ich damals von einem alten Gratkorner gefragt. Er beginnt zu weinen. Ich weiß keine Antwort.

Im darauffolgenden Jahr gründe ich mit zwei anderen motivierten Herren ein Aktionskomitee, wir bemühen uns, motivieren, geben Impulse, sprechen mit der hiesigen Politik. Die steht schnell hinter uns, was ich ihr hoch anrechne, da nicht selbstverständlich. 71 Jahre später kommt es zur anfangs beschriebenen Gedenksteinenthüllung. Das kann, das darf aber erst der Anfang sein.

Disclaimer: Dieser Beitrag erschien auch im Jahresbericht 16 der Bundeslehranstalt für Kindergartenpädagogik, Graz.

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